Aufsatz 
Die Ableitung des Wortes "Pfahl" als Bezeichnung des limes / von Reinhard Walz
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jenes Höhenrückens erinnert, der, wie Ohlenschlager mit Nachdruck hervorhebt, die volkstümliche BezeichnungPfahl führt.*)

Dass dem so ist, beweist ferner ein in einzelnen Teilen Oberhessens verbreitetes Kinderspiel,Pehlches genannt. Dabei kommt es darauf an, dass nach einer geraden Linie von 2 Parteien von entgegengesetztem Standpunkte aus Knöpfe oder auch Geldstücke so geworfen werden, dass sie jenem Strich möglichst nahe kommen. Ist es nun dadurch, dass der betreffende Gegenstand unmittelbar auf den Strich selbst fällt, zweifelhaft, welcher Partei er gehört, so fährt man mit einem Messer oder einem jedenfalls spitzen Gegenstande dem Striche nach und entscheidet, je nachdem er herüber oder hinüber zu liegen kommt, die Streitfrage. Da nun das schnurgerade Nachfahren der Strecke das Charakteristische des ganzen Spieles ist, hat es davon seinen Namen bekommen und nicht etwa von dem Holzstäbchen, dessen man sich wohl auch gelegentlich zum Nachfahren bedient.

So zeigt uns der Dialekt den Weg, auf dem wir der Wahrheit näher kommen. Rasch verschwanden nach der ersten Hälfte des III. Jahrhunderts am lmes die Pfähle, sie waren Aurch Feuer leicht zu zerstören, damals als die Germanen in kampfesfroher Jugend- und Wanderlust an die Pforten des römischen Reiches klopften, aber haften blieb im Munde des Volkes die echt volkstümliche Bezeichnung wie anderwärts, so besonders bei uns im Lande der Chatten, die fast allein von all ihren germanischen Brüdern durch 2 Jahrtausende hindurch an ihrer Scholle kleben, wo heute noch das Volk in Sitte, Tracht und Sprache fest und treu am Alten hängt und deshalb cin Rückschluss von der Gegenwart auf längst verflossene Zeiten wohl gestattet ist.

Wie aber gerade bei Fragen der vorliegenden Art Spaten und Volkskunde zusammen- gehen müssen, dafür zum Schlusse noch ein Beispiel.

Einen strategisch sehr wichtigen Teil des limes, der auch durch eine ganze Reihe von Türmen geschützt war, bildete die Strecke von Butzbach bis Grüningen, wo er in Hessen seinen nördlichsten Punkt erreicht, um in scharfem Knie sich südöstlich nach der Wetterau zu wenden. Gewiss nur nach heissem, schweren Ringen werden die Germanen hier an der Wasser- und Grenzscheide des Lahn- und Wettergaus die Oberhand gewonnen und die ver- hassten Schranken durchbrochen haben. Besonders wichtig war unzweifelhaft die Senke zwischen dem Butzbacher und Griedeler Wald, wo eine uralte Verbindungsstrasse von der Lahngegend in die fruchtbare Wetterau einmündete, an der in römischer Zeit eine wichtige Zollstation und um sie herum bald eine grössere bürgerliche Niederlassung entstand. Da bei einem Angriff aus Feindesland gerade hier der erste Anprall ausgehalten werden musste, so war diese Stelle aufs stärkste befestigt, wie die zeitlich verschiedenen Anlagen im sog. Degenfeld(15 Min. nordöstlich von Butzbach) und das weiter nach Butzbach hin gelegene Hunneburg-Castell beweisen. Wie wild es einstens bei dem Kampfe herging, der hier um den Besitz des lmes tobte, zeigt sich so recht an dem Zustande eines Grabes, das im sog. Degenfeld vor kurzem aufgedeckt worden ist. In einer engen Grube lagen aller Waften und jeden Schmuckes beraubt 4 römische Leichen; der Schädel der einen war durch einen furcht- baren Hieb gespalten und klaffte weit auseinander. Und wie aus der sturmbewegten Jugend unseres Volkes so manche Namen zu uns herüberklingen, die auf nichts anderes hindeuten, als auf Kampf und Streit, das Lebenselement unserer Vorfahren: Kunigunde die Sippen- kämpferin, Fredegunde die Friedenskämpferin, Gudrun die Kampfraunerin, Gustav= Gundstab der Kampfstab, Gunther(Günther) der Kämpfer, Gundobald der Kampfkühne, Guntram(Guntrum) der Kampfrabe u. a., so lebt die Erinnerung an jenen Kampf heute noch fort in Pohlgöns,**) dessen mittelalterliche Schreibung Pfalgunse***)(a. 1287) und Palgunse)(a. 1275, 1315, 1316, 1332, 1342) nichts anderes bedeutet als palgunissa= Kampf- platz am Pfahl.

*) Wenn der Bauer beim Pflügen in manchen Gegenden Oberhessens statt:Har,Hott dem Vieh zu- ruft:Har vom Pohl,Hott vom Pohl so ist unter Pohl der früher aus Holz bestehende Nagel zu verstehen, der den Vorder- und Hinterpflug verbindet. Auch diese Ausdrucksweise suche ich vergebens in dem Oberh. Wörterbuche.

**) St. nordöstl. von Butzbach, ¼ St. vom Degenfeld-Castell jenseits des Pfahlgrabens.

*wre) Arnsburger Urk. n. 1226.

) Arnsburger Urk. n. 1221, 441, 457, 633, 702.(Neue Heidelb. Jahrb. 1895, S. 93.)