Diejenigen Bewohner des platten Landes, welche das Bürgerrecht in einer Stadt er- worben hatten, hiessen, wie auch oft die Vorstädter im Gegensatz zu den eigentlichen Spiess- bürgern, weil sie ausserhalb der Grenzpfähle und Grenzsteine der Stadt wohnten(extra palum civilafis) Pfahlbürger, Pfahlgericht*) nannte man die auf den Umfang der Mauern und Zäune eines Gutes beschränkte Gerichtsbarkeit. Will man nicht annehmen, dass für das lateinische limes ursprünglich ein zusammengesetztes Wort aufkam, das sich im Volksmund zu Pfahl bezw. Pohl verkürzte, so kann man die Collektivbezeichnung Pfahl für Pfähle als römischen Sprachgebrauch betrachten, der sich bei dem regen Grenzverkehr leicht ins Deutsche übertrug. So bedeutet vallum oft das aus valli. Schanzpfählen, Hergestellte, dann Schanzwerk und in gleicher Bedeutung kommt vallus für den Plural vor.**)
Diesen Einwand erhebt Ohlenschlager nur beiläufig; mehr Gewicht legt er darauf, dass sich derselbe Ausdruck Pfahl findet:
„1. in Landstrichen, die vom römischen Gebiet entfernt liegen, wo demnach das Wort nicht von palus entlehnt sein kann;
2. zur Bezeichnung alter Hochstrassen, meistens Römerstrassen und Höhenzüge, bei denen das frühere Vorhandensein von Pfählen nicht gemutmasst werden darf, die Ableitung von palus also hinfällig wird;
3. zur Bezeichnung von Grenzscheiden und Wällen an verschiedenen Stellen.
So führt den Namen Pfahl ein Quarzgang, der an 10 deutsche Meilen lang von Schwarzenfeld an der Nab bis über Weissenstein hinaus den Granit in schnur- gerader, südöstlicher Richtung durchbricht und an dessen Fusse die Ortschaften Pfahl und Pfahlhof liegen, die durch ihre alten Namen bekunden, dass die Benennung des Quarz- ganges volkstümlich ist, nicht durch gelehrte Forschung entstanden und übertragen sein kann. Dieser Pfahl liegt nördlich der Donau in einem Gebiete, das nie römisch war, und ausserdem kann hier an eine Ableitung des Namens von Pfählen durchaus nicht gedacht werden.“
So gerne ich zugebe, dass bei all diesen Oertlichkeiten, die übrigens nie allzuweit von römischem Gebiete entfernt liegen und für die die Bezeichnung„Pfahl? vorkommt, nicht an Pfähle zu denken ist, so wenig kann mich der Einwand Ohlenschlagers, den auch Zangemeister***) anführt, überzeugen.
Für den mit Palissaden versehenen limes kam m. E. um die Mitte des II. Jahrhunderts die volkstümliche Bezeichnung„Pfahl“ oder eine mit Pfahl gebildete Verbindung auf. Diese Benennung blieb für die Folgezeit für die Grenzwehre bestehen, nachdem die Kriegsstürme die Pfähle lüngst hinweggefegt hatten. Jetzt war das charakteristische Merkmal des limes für die anwohnenden Germanen nicht mehr der hochragende Palissadenzaun, sondern der deutlich sichtbare, nieht schnurgerade verlaufende Grenzwall. Seinen Namen übertrug man dann, ohne natürlich an Pfähle zu denken, der äusseren Aehnlichkeit wegen auf Grenzscheiden oder Anlagen der oben erwähnten Art, zumal ihr römischer Ursprung meistens in der Er- innerung lebendig blieb.
Je mehr sich aber bei dem Begriffe Pfahl die ursprüngliche mit Pfählen im Zusammenhang stehende Bedeutung verwischte und in Vergessenheit geriet, desto mehr trat die sekundäre hervor: die durch eine Pfahlreihe bezeichnete gerade Linie. Ein klarer Beweis dafür ist die Thatsache, dass man in vielen Gegenden Oberhessens für schnurgerade aus dem Munde des Landvolkes„pohlgroad“ †) hören kann, was uns sofort an die„erstaunlich gerade“ Richtung
*) Jurisdictio circumsepta.
**) Caes. de bell. Civ. III, 63:„ELrat eo loco fossa pedum XE et vallum contra hostem in altitudinem pedum X, lantundemgue eius valli agger in latitudinem patebat; ab eo intermisso spatio pedum DC alter conversus in contrariam partem erat vallus humiliore paulo munitione. Hoe enim superioribus diebus timens Caesar, ne navibus nostri cireumbenirentur, duplicem eo loco fecerat vall um, ut, si ancipiti proelio dimicaretur, posset resisti. Sed.....
Itagque contra mare transversum vallum, gqui has duas munitiones conjungeret, nondum perfecerat.“
*un) A. a. O. S. 78. †) In dem Oberhess. Wörterb. bearbeitet v. W. Crecelius, 3. u. 4. Lfg. 1899, vermisse ich dies Wort.


