Aufsatz 
Die Ableitung des Wortes "Pfahl" als Bezeichnung des limes / von Reinhard Walz
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Er wirdt genent von jederman

Der Polgrab, und zur lincken handt Reicht er bis in das Hessenlandt,

Zur rechten Hand, biss an den Rhein, Das kan ein langer Polgrab sein. Derselbig Grab vergeht nun sehr, Dieweil man seiner acht nicht mehr, Das alter so feindselig ist;

Beid, zeit und alter, alles frist.

Mag immerhin hmes die offizielle Bezeichnung der Römer für die Grenzwehre ge- wesen sein, so höre ich einwenden,der römische Soldat nannte die ganze Anlage vallum, und daraus entwickelte sich dann die Bezeichnung Pfahl.

Abgesehen von den sprachlichen Schwierigkeiten, die bestehen bleiben, ist darauf in sachlicher Beziehung zu erwidern: Mögen uns vielleicht heute Wall und Graben als die charakteristischen Merkmale des limes erscheinen, in der Zeit, als die BezeichnungPfahl entstand, war dies sicherlich anders. Wall und Graben konnten das Verbot des Grenzüber- gangs nicht besonders wirksam zum Ausdruck bringen, wohl aber der Palissadenzaun. Er sagte dem Germanen, ihn an die muiestas populi Romani erinnernd: Cave!, er ist an vielen Stellen als der älteste Teil der römischen Grenzanlage nachgewiesen, älter als Wall und Mauer mehr dazu bestimmt Conflikten vorzubeugen, als ihnen zu begegnen, weniger krie- gerischen, als politischen und Verwaltungszwecken dienend. Folgte doch der jedesmaligen Besitznahme eines feindlichen Gebietes als oberstes Ziel die Kultivierung und Romanisierung auf dem Fusse:

Durch deutschen Schnee, durch Parther-Sand Mit immer gleichem Schritte,

Wir tragen mit das Vaterland Und Römer-Recht und ⸗Sitte.

Und nach dem Sieg das Schwert gesenkt Und Pflug geführt und Spaten;

Das Land, das römisch Blut getränkt, Wird römischer Penaten.

Dazu aber war vor allem erforderlich: polizeiliche Absperrung des Gebietes gegen unruhige Nachbarn, Schutz der bürgerlichen Niederlassungen gegen räuberische Ueberfälle, Vorbeugungsmassregeln gegen innere Unruhen, kurz eine unzweideutige, klar in die Augen springende Bezeichnung der Grenze des mperium Romanum.*)

Diesem Zweck dienten länger als 100 Jahre die Pfähle, die dem freiheitsstolzen Ger- manen gewiss oft genug ein Dorn im Auge zunächst der Vernichtung ausgesetzt waren, als allenthalben die Vorstösse der Barbaren gegen die Reichsgrenze begannen.

So ist denn, da sich die Römer des Wortes palus in dem Sinne von Schanzpfahl nicht bedienten, die BezeichnungPfahl germanischen Ursprungs, der sichtbaren, äusseren Beschaffen- heit der Anlage entsprechend und herrührend aus der Zeit, wo der limes den Germanen in seiner Integrität und vollen Bedeutung vor Augen stand.**)

Nicht auffällig aber ist es, wenn das LehnwortPfahl zu der Zeit, als es infolge des regen Grenzverkehrs ins Deutsche überging, eine Kleine Bedeutungs-Erweiterung von Gartenpfahl zu Schanz- und Grenzpfahl***) bekam, wie es denn auch bei späteren Schrift-

*) Man kann in der Wetterau sowie in einzelnen Teilen des ehemaligen Herzogtums Nassau beobachten, dass das Gesinde teils am letzten Weihnachtstage, teils am Petritage seinen Dienst antritt. Dass nun zwischen den einzelnen Dörfern heute noch der Pfahlgraben haarscharf in der Weise die Grenze zieht, dass jener Termin im ehemals römischen Germanien auf den 22. Februar, in dem von den Römern frei gebliebenen dagegen auf den 27. Dezember fällt, ist sicher kein Zufall und wohl mit Recht auf die älteste Zeit zurückzuführen. Dahin gehört auch, dass man in Grüningen, diesseits des Pfahlgrabens, von demüwer d'r Landheg verächtlich spricht; nicht selten kann man in diesem Sinne sagen hören:Der eas voh driwwe eribb.

*r) Ohlenschlager a. a. O. S. 63 und Mommsen: Römische Gesch. V. 141 A.

Irc⸗) Schriften der röm. Feldmesser, her. v. Blume, Lachmann und Rudorff I. 307, 5: In termina- ltione sub terra ipsos palos cooperuimus; 349, 15: palos picatos sub terra defirimus