Aufsatz 
Die Ableitung des Wortes "Pfahl" als Bezeichnung des limes / von Reinhard Walz
Einzelbild herunterladen

6

Steht so Zangemeisters Behauptung, Pfahl sei verschärfte Aussprache für vall, schon aus sprachlichen Gründen auf recht schwachen Füssen, so kann sie um so weniger aufrecht erhalten werden, je genauer man die(Quelle untersucht, aus der sie geflossen ist. Diese Quelle liegt 400 Jahre rückwärts.

Im Jahre 1477 wurde zu Abensberg im bayr. Regierungsbezirke Niederbayern ein berühmter Geschichtsschreiber geboren, Joh. Thurmayr, der sich nach damaliger Gelehrten- sitte Aventinus nannte. Nach grösseren Studien in Ingolstadt, Paris und längerem Aufenthalt in Ostreich, Polen und Italien wurde er im Geburtsjahre der Reformation bayri- scher Historiograph und sammelte mit grossem Eifer Geschichtsquellen, von denen sich sehr wichtige nur durch ihn erhalten haben.*) Nach schweren Schicksalsschlägen starb er 1534. Seine Hauptwerke sind die Annales Boiorum und das Chronicon Bavariae, das in Nürnberg erschien.**) Aventinus war ein Mann von gewaltigem Wissen und durchdrungen von den humanistischen Ideen seiner Zeit, aber dies Urteil kann ihm die Nachwelt nicht ersparen er lässt es oft fehlen an der wissenschaftlichen Genauigkeit, verfährt willkürlich in der Beurteilung des ihm vorliegenden Stoffes und malt sich die Vorzeit nicht selten in phantasti- scher Weise nach eignem Gutdünken aus.

Dass es ihm oft an der nötigen kritischen Sorgfalt fehlt, beweist unsere vorliegende Stelle aufs klarste.

Von dem himes sagt er Annal. Boior. I, 103, 7:haben auch allda die Römer eine Landwer gehabt mit einem aufgeschütten Graben..... sölich Were nennen die Römer vallum, nennt jetzo der gemain Mannauf dem vall. Vergleichen wir damit Chron. I, 616, 11. 703, 8. 972, 7. wo er sagt:Die Krieger hiessens auf die römisch Sprach vzallum und rallulium:- haisst der gemain Mann noch bei unsauf dem Pfal und Ann. I, 151, 10, wo er kurzer Hand erklärt:accolae suo more corruplo sonopfal' hoe est pallum appellant, So lernen wir Aventins Verfahren kennen. Die einzig richtige Aussprache des gemeinen Mannes seiner Zeit, der sagtauf dem Pfal, hält er, weil er die Bedeutung des Wortes nicht kennt und vallum jedenfalls falum ausgesprochen hat, ohne Grund für falsch und lässt ohne jedes Bedenken aus pfal ähnlich lautendes vall entstehen, und Zangemeister ist ihm darin gefolgt. Nie konnte Pfahl aus dem Worte vallum entstehen, das für eine derartige Grenzwehre urkundlich nicht nachgewiesen ist; die offizielle römische Bezeichnung ist und bleibt limes.

Ein späterer Gelehrter des 17. und 18. Jahrhunderts Joh. Leonhard Frisch, der 1743 als Rektor des Grauen Klosters in Berlin starb, vermeidet den Fehler Aventins und berichtet mit einfachen Worten:im Eichstättischen heisset man sie(die Pfalhecke) noch auf dem Pfahl.... es war unten Mauer und oben Pfähle mit Erde ausgefüllt.

Aber noch mehr Wert hat für uns die Aussprache eines alten Wetterauers, eines der frühesten Reformatoren in unserer Gegend, der als Student in Wittenberg zu den Füssen Luthers sass und zu seinen Lieblingsschülern gehörte, des Fabeldichters Erasmus Albe- rus. In der 25. Fabel seines BuchesVon der Tugend und Weisheit, das 1550 zu Frank- furt a. M. erschien, kommt unser Landsmann auf den Feldberg zu sprechen, wo damals, wie er erzählt, Hirsche, Hasen, Wölfe, Wildschweine und Bären lebten und sagt:

Rings umbher ligt ein grosser Waldt, Darumb die alten Heyden haben

bey zehen meil' umbher gegraben,

Ein lange zeit, eh Jhesu Christ

Auff erden mensch geboren ist,

Den graben man noch sehen kan,

8

*) Aventinus macht uns auch gelegentlich eine für die Geschichte des Volksliedes höchst wertvolle Mit- teilung, indem er berichtet:Unsere Leut singen und sagen noch viel von dem streitbaren Markgrafen Rudinger und von Dietrich von Bern; man findet nit bald einen alten König, der dem gemeinen Manne bei uns so bekannt sei, von dem sie so viel wissen zu sagen.

**) Nebenbei bemerkt hat er sich durch seine rudimenta Grammaticae latinae auch als Schulmeister einen Namen erworben, und jeder Besucher des Nationalmuseums in München erinnert sich des Wandgemäldes von M. v. Menz, das ihn zeigt, wie er die Prinzen Ludwig und Ernst, Brüder Herzogs Wilhelm IV., in der Geschichte ihres Vaterlandes unterrichtet.