Der Anfangsunterricht im Englischen auf lautlicher Grundlage*⁴).
Der schulgemässe Unterricht im Lateinischen und Griechischen geht von der schriftlichen Darstellung ehemals gesprochener Laute aus. Der Unterricht in den neueren Sprachen ist dem der alten nachgebildet worden, und so ist es gekommen, dass man auch hier die Schriftsprache zu Grunde legte, gleich als ob die Laute, die doch das Wesen der Sprache ausmachen, erstarrt und von nebensächlicher Bedeutung für die Spracherlernung würen. So nimmt also das Auge die Sprache durch die Schrift auf, und diese vermittelt dann das Verständnis der Sprach- laute. Der Gehörsinn, auf welchen die Sprache doch zunächst wirken sollte, ist demnach vollständig dem Gesichtssinn untergeordnet und in Abhängigkeit von diesem. Zunächst wird das Wort in seinem Schriftbild angeschaut und darauf erst ausgesprochen; also werden die Laute aus den Buchstaben, das Urbild aus dem Abbild, erschlossen. Dieser unnatürliche Weg bringt es denn auch mit sich, dass das Verstehen des gesprochenen Wortes so sehr erschwert und oft erst nach Umsetzung des Lautbildes in das gewohnte Schriftbild ermöglicht wird. Gäben nun die Buchstaben die Laute genau wieder, so liesse sich die Natur derselben auch aus der Buchstabensprache erkennen. Diese letztere ist jedoch den oft recht mannig- fachen Wandlungen der Sprachlaute vielfach nicht gefolgt, ganz abgesehen davon, dass von vorn herein schon der Versuch, die Laute in Buchstaben umzusetzen, nicht immer gelungen ist(vergl. deutsch sch, also 3 Buchstaben für einen Laut, und z, ein Buchstabe für 2 Taute: t und s).
Besonders eingreifende Lautveränderungen hat das Englische durchgemacht, während die Schrift im wesentlichen noch die des 15. Jahrhunderts ist. Die grosse Kluft zwischen Laut und Schrift im Englischen wird nicht nur von uns, die wir beide zu erlernen haben, sondern auch von den Pnglindern selbst als unangenehm empfunden, und die überall hervortretenden Bestre- bungen, Taut und Schrift wieder in Ubereinstimmung mit einander zu bringen, haben auch dort festen Boden gefasst. Mehr als sonst hört man erade in England darüber klagen, dass wegen der grossen Abweichungen zwischen Laut Vnd Schrift die Erlernung der letzteren den Kindern grosse Schwierigkeiten verursache. Auch bei vorgeschrittenen Schülern einer englischen Schule habe ich mich selbst davon überzeugen können, zu wie vielen Fehlern ihnen der grosse Abstand zwischen Laut und Schrift Anlass giebt. Bei allen schriftlichen Ubersetzungen
*) Der Hauptteil meiner Arbeit, welcher die englische Aussprache im Anfangsunterricht behandelt, erscheint gleichzeitig in der ersten Nummer der Phonetischen Studien. Der Abdruck an dieser Stelle ist vom Herausgeber der Phonetischen Studien, Professor Vietor, freundlichst gestattet worden. Für die gütige Durch- sicht meiner Arbeit und die mir dazu gegebenen Bemerkungen spreche ich Herrn Professor Dr. Vietor und
meinem Kollegen Herrn Dr. Quiehl meinen heralichsten Dank aus.


