circa vierzig Millionen Fres. reichlich bezahlt gemacht. Seit dieſer Zeit hat man ſich auch in Deutſchland gewaltig aufgerafft. Bereits iſt in Berlin ein Gewerbemufeum ähnlich dem Kenſingtonmuſeum in Verbindung mit einer Lehranſtalt gegründet und jetzt ſchon entſtehen an den hervorragendſten Fabrikplätzen Kunſt⸗ und In⸗ duſtrieſchulen. Zum Theil vorzäügliche litterariſche Arbeiten mit Illuſtrationen und photographiſche Abbildun⸗ gen geben den Induſtriellen die nöthigen Hilfsmittel und lenken die Aufmerkſamkeit des Publikums auf dieſes Gebiet; ein philſophiſcher Geiſt durchzieht Werke wie das Semper'ſche, in welchem mit kritiſcher Schärfe der einzuſchlagende Weg gezeigt wird. Haben wir nun in Vorſtehendem verſucht, in kurzen Zügen die erfreu⸗ lichen Erſcheinungen in der Kulturentwickelung unſerer Nation zu ſchildern, ſo dürfen wir uns nicht verhehlen, daß ein ſo allgemeines Intereſſe, wie es ſich für die philoſophiſche und ethiſche Bildung zeigt, für die äſthetiſche nicht vorhanden und daß es dringend zu wünſchen iſt, es möge das Verſäumte in dieſer Beziehung raſch nach⸗ geholt werden. Während erfreulicher Weiſe für die Verbreitung der Kenntniſſe auf dem Gebiete der Natur⸗ wiſſenſchaften und der Volkswirthſchaft durch eine Unzahl populärer Schriften und vorzügliche Lehranſtalten geſorgt iſt und während auch auf äſthetiſchem Gebiet Poeſie und Muſik ſich einer allgemeinen Pflege er⸗ freuen, ſo iſt für die äſthetiſche Würdigung der bildenden Künſte ſo gut wie gar Nichts gethan. Die glück⸗ liche Entfaltung derſelben iſt, wir müſſen es dankbar anerkennen, faſt durchweg urſprünglich veranlaßt durch einige kunſtliebende Fürſten und finanziell begünſtigte Städte. Sie hat ſich zwar in der Folge auch auf weitere Kreiſe erſtreckt, immer noch fehlt aber ein ſo allgemeines Intereſſe und Verſtändniß, wie es bei den Blüthezeiten anderer Culturperioden der Fall war. Das große Ganze des Volkes namentlich die Bewohner kleinerer Städte und des Landes zeigen ſich vollſtändig theilnahmlos für die Beſtrebungen auf den höheren Gebieten der bildenden Künſte. Iſt daher das Ziel einer Harmonie, wie ſie das helleniſche Volksleben kenn⸗ zeichnete, noch weit entfernt und dürfen wir auch ſelbſt einen hohen Genuß darin finden, ſtatt am Ende am Anfange dieſes Zieles zu ſtehen, ſo müſſen wir uns doch geſtehen, daß ein Verzug in der Erreichung deſſelben nicht ohne große Gefahren verknüpft iſt. Nur ein allgemeines, geläutertes Volksurtheil bildet eine ſichere Baſis für die naturgemäße Entwicklung einer wahrhaft nationalen Kunſt und die mehr zufällige Begünſtigung fürſtlicher Gönner oder reicher Corporationen bringt die Gefahr einer capriciöſen Behandlung und damit eines Sinkens der Kunſt. Mehr noch als Fürſtengunſt und Fürſtenſold muß den Künſtler das Bewußtſein be⸗ geiſtern, daß er den leitenden Ideen ſeiner Zeit, daß er der Kultur des ganzen Volkes, welches mit Stolz ihn zu ſeinen Beſten zählen wird, Ausdruck verleiht, denn nur„Wer den Beſten ſeiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.“ Aber nicht nur dieſe mehr ideale Seite der äſthetiſchen Bildung iſt es, welche zu einer gewiſſenhaften Prüfung auffordert, ſondern auch die reale und materielle, welche uns nöthigt, auf dem Gebiete der Kunſtinduſtrie ſo raſch und durchgreifend wie möglich unſere Pflicht zu erfüllen.
Auf keinem anderen Wege iſt nun aber eine Belehrung ſicherer zu erreichen als auf dem Wege des Unterrichts, und zwar durch Unterweiſen der Jugend, denn, um mit Winkelmann zu reden,„da die Ein⸗ „bildung, welche zur Empfindung des Schönen in der Kunſt mehr als in der Natur gefordert wird, weit „feuriger in der Jugend als im männlichen Alter iſt, ſo ſoll jene Fähigkeit zeitig geübt und auf das Schöne „geführt werden, ehe das Alter kommt, in welchem wir uns entſetzen, zu bekennen, es nicht zu fühlen.“
Es iſt dies alſo Aufgabe der Schule und zwar nicht etwa einer beſonderen Fachſchule ſondern ſpeciell der Realſchule, einmal weil ſie ſich durch die äſthetiſche Bildung ihrer Jugend ein pädagogiſches Hülfsmittel erwirbt, welches bei den vorwiegend philoſophiſchen und ethiſchen Unterrichtsgegenſtänden ihres Lehrplans ſeit⸗ her noch mehr oder weniger verkümmert war und welches, wie wir geſehen, zu jener ganze Staaten wie einzelne Individuen beglückenden Harmonie der drei Seelenkräfte erforderlich iſt, und dann weil aus ihr vor⸗ züglich die ſpäteren Induſtriellen hervorgehen, deren Bildung des Geſchmackes unter den auf dem Gebiete der Kunſtinduſtrie beſtehenden Verhältniſſen, eine weſentliche Bedingung für ihr ſpäteres materielles Wohl⸗


