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liches Daſein. Ein unſägliches politiſches Mißgeſchick am Ende des vorigen und am Anfang dieſes Jahrhunderts erſtickte in Deutſchland faſt die letzten Funken äſthetiſchen Lebens. Aber kaum war die erſehnte Selbſt⸗ ſtändigkeit erlangt, ſo zeigte ſich ſchon auf allen Gebieten ein reges Leben. Aus dem langen Jammer der Umwälzungen und Kriege war die Nation in ethiſcher Beziehung geſtählt hervorgegangen. In den unzähligen Aſſociationen zu Wohlthätigkeitszwecken, in den Beſtrebungen nach einer jetzt wider Erwarten raſch vollzogenen politiſchen Einheit und Selbſtſtändigkeit der Nation zeigt ſich eine von einer Allgemeinheit der Volksbildung geſtützte ethiſche Kraft, welche den Zuſtänden bei anderen Nationen durchaus nicht nachſteht. Die Entwicklung der Naturwiſſenſchaften haben der Philoſophie eine Richtung von realerer Baſis gegeben, welche uns kräftig in unſeren äſthetiſchen Beſtrebungen unterſtützt. Die hohe Stufe, welche Poeſie und Muſik erſtiegen haben, bedarf nur einer Erwähnung. Die Schöpfungen der Heroén auf dieſen Gebieten ſind jetzt ſchon geiſtiges Eigenthum der ganzen Nation geworden. Auf den höheren Gebieten der bildenden Künſte erſtand dem deutſchen Volke ein Dreigeſtirn in Schinkel, Cornelius und dem deutſch fühlenden Thorwaldſen, deſſen Glanz die neu angebrochene, auf die Antike baſirte Kulturperiode dauernd erleuchten wird. Wir ſind in raſchem Vorwärtsſchreiten begriffen; die Antike durchſtrömt wieder auf allen Gebieten der Künſte unſere Bildung, ihre ewig wahren und einfachen Geſetze der Schönheit verleihen auch den Forſchungen in unſerer eigenen nationalen Kunſt eine reiche Früchte verſprechende Sicherheit und Klarheit.
Die Baukunſt, welche zu ihrer Entwicklung am meiſten Zeit bedarf, hat in einigen Hauptrichtungen in Schinkel'ſchem Sinne die Antike und Renaiſſance zur Löſung der mancherlei praktiſchen Aufgaben, welche das moderne vielgeſtaltete Leben ſtellt, verwendet und beſonders im Profanbau jetzt ſchon hervorragende Schöpfungen geſchaffen. In der Malerei überragen die Deutſchen alle Nationen an Großartigkeit der Auf⸗ faſſung und Tiefe der Empfindung und wenn ſich eine brillantere Technik, wie ſie ſich die aus den Schnlen von Piloty, Knaus, Vautier, hervorgegangenen Künſtler bereits angeeignet haben, erſt allgemein Bahn ge⸗ brochen hat, ſo ſtehen wir in keiner Beziehung mehr zurück. In der Bildhauerkunſt haben Thorwaldſen und ſeine Nachfolger, Rauch, Ritſchel, Drake ꝛc., Werke von klaſſiſcher Schönheit geſchaffen; ſie verſchmäht jene oberflächlich prüde Cocetterie, die franzöſiſcher Kitzel verlangt, und zeigt in religiöſen wie profanen Aufgaben eine ſtreng ſittliche Auffaſſung und eine glühende Begeiſterung für das deutſche Vaterland.
Nur auf dem Gebiete der ſogenannten Kleinkünſte oder wie die Bezeichnung„Kunſtinduſtrie“ nach den thatſächlichen Verhältniſſen richtiger erſcheint, blieben die Deutſchen andern Nationen gegenüber zurück. Frankreich hatte ſeit Jahrhunderten den Markt in dieſer Branche beherrſcht; es hatte das ausſchließliche Privileg, die Launen ſeiner Mode, welche heute lächerlich, morgen anmuthig iſt, allen Nationen aufzuoctroiren. Man fühlte in gewiſſen Kreiſen zwar das Unwürdige dieſer Abhängigkeit und es mag auch dieſes Gefühl die erſte Induſtrie⸗ Ausſtellung, welche, wir dürfen es mit patriotiſchem Stolze ſagen, von einem Mainzer Fabrikanten veran⸗ laßt wurde, hervorgerufen haben, allein die Ausdehnung derſelben war zu beſchränkt, als daß ſie einen all⸗ gemeinen Umſchwung der Anſchauungen und damit ein durchgreifendes Reſultat hätte erzielen können. Erſt mit dem Entſtehen der internationalen Induſtrieausſtellungen, jenen olympiſchen Wettkämpfen der Neuzeit, ward die Nothwendigkeit einer Regeneration allgemein erkannt. Die Deutſchen waren aber leider die letzten, welche in dieſem Sinne energiſche Schritte thaten. Auffallend ſind die Veränderungen in einem verhältniß⸗ mäßig ſo kurzen Zeitraum. Auf der Londoner Ausſtellung vom Jahr 1851 ſetzte ſo zu ſagen nur Frank⸗ reich ſeine Induſtrieproducte ab, und bereits auf der Pariſer Ausſtellung vom Jahre 1866 machte England ihm eine empfindliche Concurrenz, ja in einzelen Artikeln hatte es Frankreich ſogar überholt. Und dieſe Re⸗ ſultate ſind nicht etwa durch den Reiz der Neuheit oder andere Umſtände mehr zufälliger Natur veranlaßt, ſondern ſie ſind die Früchte eines mit ſeltener Energie von den Engländern betriebenen und in Schulen und Muſeen dem größeren Publikum erſchloſſenen Studiums. Die Summen und Kräfte, welche in dieſer Beziehung verwendet wurden, haben ſich bereits nach fünfzehn Jahren durch einen Waarenabſatz im Werth von


