Aufsatz 
Das Zeichnen in der Realschule nach seiner Bedeutung für allgemeine Bildung und technische Fachbildung
Entstehung
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Während man früher und in einigen Fällen wenigſtens mit ſcheinbarem Rechte ſich bemühte, den Zu⸗ ſammenhang zwiſchen den Individuen und der Kunſtrichtung zu verfolgen und ſo die Kunſtgeſchichte in eine Künſtlerbiographie aufzulöſen, iſt es ein unbeſtrittenes Verdienſt der Neuzeit und insbeſondere der deutſchen Kunſthiſtoriker, das individuelle Gepräge, welches bei ſo hervorragenden Kräften und einem ſo ausgeſprochenen Selbſtgefühl der Künſtler, wie ſie z. B. das cinquecento in Italien aufweiſt, beſonders hervortrat, abgeſtreift, die inneren Motive jenes Zuſammenhanges klar geſtellt und dadurch nicht nur den Schlüſſel zum Verſtändniß aller Kulturperioden geliefert, ſondern auch die Baſis für eine geſunde Förderung unſerer eigenen Kunſtbe⸗ ſtrebungen geſchaffen zu haben. Mit prophetiſchem Geiſt kündet ein Wort Leſſings, des geiſtigen Pionirs der Neuzeit, den Beginn dieſer neuen Forſchungen an, wenn er ſagt:Die Alten kannten die Bande, welche die Künſte mit einander verknüpfen; was ihre Künſtler gethan, wird uns lehren, was Künſtler überhaupt thun ſollen, und welches tiefe Erfaſſen der charakteriſtiſchen Merkmale antiker Schönheit tritt uns bei Winkelmann, dem eigentlichen Pfadfinder in dem Chaos der erſterbenden Zopfzeit entgegen in ſeinen Wor⸗ ten:Sowie die Tiefe des Meeres allzeitig ruhig bleibt, die Oberfläche mag auch noch ſo wüthen, ebenſo zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenſchaften eine große und geſetzte Seele. Der Ausdruck einer großen Seele geht weit über die Bildung der ſchönen Natur, die Weisheit reichte der Kunſt die Hand und blies den Figuren derſelben mehr als gemeine Seelen ein.

Wenn wir nun nach den tieferen Urſachen dieſer ſo glücklichen Harmonie der Künſte und der Kultur im helleniſchen Volksleben forſchen, wenn wir dem inneren Zuſammenhang durch das Zuſammenhalten gleichzeitiger Thatſachen nachſpüren, ſo finden wir, daß die Künſte der Hellenen in Sprache und Form der Ausdruck einer Geiſtesbildung ſind, welche alle ihre privaten wie ſtaatlichen Handlungen bedingte, daß ſie den Ausfluß einer vollſtändigen Harmonie in Sitten, politiſchen und religiöſen Anſchauungen, verſchmolzen mit der charakteriſchen Lage und der klimatiſchen Beſchaffenheit des Landes darſtellen, wie ſie ſo abgerundet kein anderes Kulturvolk mehr ſich anzueignen vermochte. Dieſe ganze helleniſche Kultur beruhte auf den in gleichem Maaß ſich ent⸗ wickelnden und immer in gegenſeitigem Einklang ſich befindenden drei Seelenkräften des Menſchen: dem Em⸗ pfinden mit dem Schaffen des Schönen, dem Erkennen mit dem Erfaſſen des Wahren und dem Wollen mit dem Ausüben des Guten als Zielpuncte.

Dem Volke der Hellenen war es vergönnt, die Harmonie jener Seelenkräfte, man kann bei einer ſo geiſtigen Ueberlegenheit andern Nationen gegenüber wohl ſagen, frei von fremden Einflüſſrn und mit eignem klaren Bewußtſein zu erringen, daher leuchtet in nie erlöſchendem Glanze unter allen Kulturperioden in der Geſchichte der Menſchheit die griechiſche ſo bedeutungsvoll hervor, daß die Nachwelt auf faſt allen Gebieten des menſchlichen Denkens und Wiſſens die griechiſche Nation als Lehrmeiſterin anerkennen mußte, ja ſo oft man ſich nach der Verfolgung anderer nie mehr ſo harmoniſch errungener Kulturbeſtrebungen wieder der antiken Baſis zuwandte und eine gleiche Einheit zu erringen ſtrebte, ſehen wir bei dem gleichzeitigen Zu⸗ ſammentreffen dieſer drei Seelenkräfte die Völker durch ähnliche Kulturzuſtände beglückt, deren Dauer aber durch das Ueberwiegen einer derſelben oft nur zu kurz war. Lange erhielt ſich das helleniſche Volk dieſe Harmonie, bevor es dem demoraliſirenden Einfluß äußerer Verhältniſſe gelang, das ſtolze Gebäude zu unter⸗ wühlen und zum raſchen Sturz zu führen, aber ſelbſt nach dieſem Sturz blieben die Hellenen freilich im Dienſte ihrer Beſieger auf den Gebieten der Philoſophie und Aeſthetik noch immer die Lehrer und haben wie ein neuerer Aeſthetiker treffend bemerkt, der Nachwelt ein Kapital hinterlaſſen, von deſſen Zinſen wir, zum großen Theile bis auf den heutig en Tag leben. Nicht ohne ein ernſtes Streben hat eine ſo hoch be⸗ gabte Nation dieſe Höhe erſtiegen, und wenn ſich auch unſere Kenntniſſe wenigſtens auf dem Gebiete der Philoſophie und Ethik erweitert und unſere Anſchauungen verändert haben, ſo ſind ſie uns doch in dieſem von einem tief ſittlichen Ernſt durchdrungenen Streben ein leuchtendes Vorbild geblieben. Die erſten Geiſter ihrer Nation haben die feinen Fäden jener Beziehungen bereits erkannt.Sie fanden, wie Leſſing ſagt,