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ist der Grund dieser betrübenden Erscheinung in Vielerlei, keines- wegs jedoch darin zu suchen, dass die Ideen des Christenthums sich wirklich überlebt hätten oder dass ein prinzipieller Gegensatz zwischen moderner Bildung und Evangelium stattfinde. Keine Bildung wird jemals im Stande sein, in einem Menschenherzen die tiefgewurzelte Sehnsucht zu unterdrücken, die über dieser Welt des Blühens und Abblühens waltenden ewigen Mächte zu suchen und in ihrem Dienste sein Heil und seine Seligkeit zu finden. Auch den Gebildeten wird allezeit mit himmlischer Gewalt die frohe Botschaft ergreifen, dass über diesen Todesthälern einst Engel Gottes gejauchzt und in das tiefste Leid der Erde das Wort des Friedens und der Versöhnung gerufen haben. Auch der Ge- bildete wird sich immerdar mit Ehrfurcht und Bewunderung beugen vor der göttlichen, in den zarten Schleier der holdesten Demuth ver- hüllten Gestalt Jesu Christi, vor jenen einfach-grossen und doch so beseligenden Lehren, ohne welche die Lampe der Hoffnung nur dunkel brennt und der Trost des Lebens nur mit stammelnder Zunge redet. Gewiss, Göthe hat Recht, wenn er sagt, dass der menschliche Geist, möge er noch so sehr fortschreiten, noch so sehr nach allen Richtungen hin sich erweitern, dennoch über die sittliche Hoheit und Cultur des Christenthums, wie sie in den Evangelien leuchtet, nie hinauskommen werde.“ Wenn ferner die den bisherigen Glaubensinhalt angeblich bis in seine Wurzeln erschütternden Ergebnisse der modernen Bibelkritik uns entgegen- gehalten werden, so ist darauf zu erwiedern, dass diese sogenann- ten Resultate theilweise über das Stadium mehr oder weniger gewagter Hypothesen noch nicht hinausgediehen und ohnehin mit Nichten so gefährlich sind, wie von manchen Seiten versichert wird. Das Christenthum in seinem eigentlichen Kern und Wesen würde doch unangetastet bleiben, auch wenn das vierte Evange- lium nicht den seelenvollen Jünger, der an der Brust des Herrn gelegen, zum Verſasser hätte; oder wenn die Apostelgeschichte eine
Eckermann: Gespräche mit Göthe, III., 373.


