Aufsatz 
Tegnérs Stellung zur Theologie und Philosophie sowie zu den religiösen Richtungen seiner Zeit / R. Waldeck
Einzelbild herunterladen

96

Verfall des Heiligen, über das immer keckere Antasten ewiger, durch Jahrhunderte bewährter Wahrheiten klingt uns aus folgen- der Stelle entgegen:Sie haben meinen Herrn weggenommen! klagte Maria, da sie das Grab hinter dem Auferstandenen leer fand. Ebenso mögen auch wir klagen, da wir nicht nur das Grab, sondern auch das Leben leer finden. Unsere Zeit schreitet unläug- bar nach manchen Seiten hin vorwärts, die Bildung ist grösser und verbreiteter als je zuvor, ein Schleier nach dem andern fällt von dem Antlitz der Schöpfung. Mehr als zuvor ist der Mensch Herr der Natur; der Donner wird wie ein Kind am Gängelbande geleitet, der Dampf wird vor das Fuhrwerk gespannt und schafft ungeheure Lasten über Land und Meer. Aber auf einem anderen, einem weit wichtigeren Gebiete schreitet die Zeit unläugbar rück- wärts. Ausser sich herrscht der Mensch mehr als zu irgend einer Zeit, aber in seinem Innern ist er mehr Sklave als je, mitten in der Christenheit dient er den stummen, den wirklichen Abgöttern. Der Tempel in seinem Herzen zerfällt immer mehr, immer mehr drängt der Feind die guten Mächte aus deinselben heraus. Der Glaube, sofern er nicht schwärmt, wird zur Sage, die Liebe, wenn nicht zu sich selbst, wird ein Traum, und die Aufopſerung eine Thorheit. In einer solchen egoistischen Luft müssen alle Blumen eines höberen Lebens verwelken. Es ist wahr, die Ein- fältigkeit ist verschwunden, aber des Lebens Einfalt ist auch verschwunden; der Aberglaube ist fort, aber er hat den Glauben mit sich genommen; man fürchtet sich nicht mehr vor dem Teufel, aber man fürchtet ebensowenig Gott; das hohle Leben hat seinen Kern verloren und selbst die Besseren beissen sich vergebens an der gemalten Schale die Zähne stumpf. Oft im Schweigen der Nacht, wenn die düsteren Vorstellungen um mein schlafloses Lager schweben, wenn es mich dünkt, als hörte ich den Leichenwurm an den Herzwurzeln meines Geschlechts nagen, dann ist mir zu Muthe, als stände ich nicht an Christi, sondern an des Christen- thums Grabe, und ich klage mit MariaSie haben meinen Herrn fortgenommen!*

*Kyrkotal, 31 u. 32.