23 symmetrischen Krone, und eine Nachtigall sitzt zwischen den Blättern und singt. Die griechische Poesie ist anzusehen als das Zünglein auf der Wage der Kunst, indem sie das rechte Gleich- gewicht zeigt, das bloss ein anderes Wort ist für das vollendet Schöne, während die occidentalische Romantik einseitig ihre schweren Massen in eine der beiden Wagschalen wirft.* Ge- ſissentlich haben wir die angeführten Stellen, als dem Zwecke dieser Darstellung keineswegs fremd, aus einer herrlichen Rede herausgehoben. Liegt es doch auf der Hand, dass ein so tiefes Eindringen in den Geist des griechischen Alterthums auch auf die Auffassung und Behandlung theologischer Gegenstände von be- deutendem Einfluss sein musste. So ist es wenigstens bei Tegnér unverkennbar gewesen. Spricht er im Namen der Reli- gion zu seinen Amtsbrüdern, sei es vom Altare oder vom Lehr- stuhl,— man fühlt unwillkürlich, dass hier der christliche Geist in antike Formen gegossen ist, man sieht den griechischen Lorbeer um die bischöfliche Tiara grünen, man merkt, dass seine Stimme am Parnassus verweilt, ehe sie nach Sinai kam, so feierlich schön, so edel und würdig ist das, was er redet. Und wie vortrefflich versteht er, weit entfernt, Heidenthum und Christenthum in starrer, feindseliger Spannung zu halten, beide in das rechte historische Verhältniss zu setzen! Es ist bekannt, dass von Augustin an, der in einseitiger und unwahrer Uebertreibung in den Tugenden der Heiden nur glänzende Laster fand, bis in das vorige Jahr- zehend, wo ein Theil des französischen Episkopats im vermeint- lichen Interesse des Christenthums die Beseitigung der alten Klas- siker forderte, nicht wenige Theologen sich schroff dem antiken Heidenthum gegenübergestellt haben. Ohne Frage ist ein gründ- liches Versenken in den Geist desselben das heilsamste Cor- rektiv gegen solche Uebertreibung, indem es zeigt, wie selbst aus dem dunkeln Grunde des Heidenthums vereinzelte Strahlen der Frömmigkeit, der Ahnung und Erkenntniss des Göttlichen, der Sehnsucht nach Erlösung hervorgebrochen sind.„Alle Menschen
*V, 141 u. 142.


