Aufsatz 
Tegnérs Stellung zur Theologie und Philosophie sowie zu den religiösen Richtungen seiner Zeit / R. Waldeck
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22 zu machen. So kam es, dass er dasjenige sich erwarb, was man am wenigsten bei einem so phantasiereichen Dichter erwarten sollte, eine gründliche Einsicht in den grammatikalischen Organismus, eine seltene Verbindung von empirischer Linguistik, philologischem Scharfsinn und ästhetischem Schönheitstakt.* Ihm ist das Grie- chische dieMuttersprache der Musen, die Sprache, bei der die Form harmonisch dem Inhalt sich anschmiegtwie das nasse Ge- wand den Gliedern der badenden Jungfrau.** Tief und geist- voll wie Wenige hat er auch das Wesen der griechischen Litte- ratur erfasst als der in vieler Beziehung normalen für alle Zeiten und für alle gebildeten Nazionen.Bei den Griechen, sagt er unter Anderem,finden wir eine Poesie, die auch bei dem heftig- sten Ausbruche des Gefühles sich selber beherrscht, sie freut sich mit Maass und sie trauert mit Anstand, sie ist wie Polyxene bei Euripides, die auch noch sterbend bemüht war, mit Würde zu fallen.* Wir finden eine Phantasie, die der Grieche unter dem Bilde des Pegasus symbolisirte, der nicht bloss Flügel, sondern auch Zügel hat. Wir finden einen poetischen Verstand, der sich nie vergisst, nie das Ganze zu Gunsten irgend eines Theiles hintansetzt, nie, auch in den stürmischsten Augenblicken der Ein- gebung, Klarheit und Uebersicht verliert. Wir finden in Hinsicht auf Form und Darstellung einen Instinkt gegen das Ausschwei- fende und Ueberladene, eine Sorgfalt für das rein Schöne, eine Zucht und Keuschheit des Stils, die nicht hinreisst, sondern ein- nimmt, nicht erschüttert, sondern beruhigt. Alles ist so leicht, so ungezwungen, als wäre es wild gewachsen, ohne Kunst und Mühe, es ist so einfach und natürlich, als ob es ganz und gar nicht anders hätte sein können. Man kann die occidentalische Poesie in allen ihren Arten mit einer Eiche vergleichen, die ia gewal- tigen, aber regellosen Formen sich von einer Bergkluft über das dunkle Thal neigt, die griechische dagegen ist schlank und abge- stutzt und gerade wie ein Palmbaum mit seiner reichen, aber

IX. " Das Gedicht: Sprâken, III, 64. Siehe Euripides: Hecabe 567 570.