21
WV.
Tegnér Professor der griechischen Litteratur. Hellenismus und Evangelium. 1812— 1824.
Mit dem Jahre 1812, wo Tegnér zum Professor der griechi- schen Litteratur in Lund ernannt wurde, beginnt der glücklichste, durch die vielseitigste Wirksamkeit ausgefüllte Abschnitt seines Lebens. Mit steigender Aufmerksamkeit, mit einer gewissen Vor- liebe betrachtete jene Hochschule ihren grossen Zögling, etwa so, wie nach der Sage Sokrates den akademischen Schwan betrachtete, den er einst im Traume an Eros' Altare in seinen Schooss nie- derschweben und sich dann wieder in den Aether emporschwingen sah.„Wie den Quellen des Nils eine nie versiegende Wasser- fülle,“ heisst es in dem Herbstprogramme des Professors von Rosenschöld, das seine Vorlesungen veröffentlichte,„so entquillt auch ihm ein unerschöpflicher Strom geistigen Lebens, der, obwohl stets in vollem Bette dahinfliessend, doch nie etwas von dem Sei- nigen einbüsst.“?² Jetzt hatte er einen Wirkungskreis gefunden, der zur vollen Entfaltung der glänzendsten Naturanlagen wie wenige geeignet war. Die homerischen Gesänge, welche einst seine einsame Jugend begeistert und mit hohen Idealen erfüllt hatten, durfte er nun von einem akademischen Katheder dem Ver- ständniss empfänglicher Zuhörer erschliessen. Thueydides, Plato, die ganze Schaar der dramatischen und lyrischen Dichter folgte dem grossen Jonier. Hatte er früher die unsterblichen Muster der griechischen Litteratur mehr gelesen, um sich mit ihrem rei- chen Inhalt und ihren poetischen Schönheiten bekannt zu machen, so kam es ihm nun, nachdem er zum Professor ernannt war, darauf an, gelehrter Hellenist im strengsten Sinne des Wortes zu werden, die unzähligen Feinheiten und Spezialitäten der Sprache sich anzueignen und sie gleichsam zu seiner zweiten Muttersprache


