10
4. Wie kann man daſſelbe durch Anwendung und Üübung weiter befeſtigen? Hier hat das individuelle Geſchick des Lehrers einen weiten Spielraum, um die Klaſſe in der mannigfachſten Weiſe auf dem gewonnenen Gebiete ſich tummeln zu laſſen. Man laſſe bald den Stoff nach ver⸗ ſchiedenen Geſichtspunkten neu gruppieren, bald mache man mit den Schülern Reiſen auf den Flüſſen und führe alles, was ſie da ſehen können, wieder an ihrem geiſtigen Auge vorüber, ebenſo an den Küſten hin über die Inſeln, erſt alles an der Karte, dann allmälig frei, aber mit öfteren nachhelfenden kontrollierenden Blicken auf die Karte; man beſuche der Reihe nach die Bäder, Uni⸗ verſitäten, Hauptinduſtrieplätze ꝛc. Bald führe man ſie auf dieſen oder jenen Berg und frage: Was müßt ihr von dort aus alles ſehen können? Was liegt nach Oſten, Weſten ꝛc. hinter dem Horizonte? Oder man ſtelle freiere Aufgaben, verſetze die Schüler in die Rolle des Kaufmanns, der ſich fragt: Woher und auf welchem Wege beziehſt du am beſten dieſe und jene Waare? des Poſtbeamten, der eine Sendung von Stuttgart nach Königsberg befördern ſoll: welcher Weg iſt der kürzeſte? welche Länder, Flüſſe, Gebirge, Städte berührt er? Man fingire auch wohl einen Krieg mit Frankreich oder Rußland und laſſe alle möglichen daran ſich knüpfenden geographiſchen Fragen erörtern u. ſ. w. Jedoch ſind die Aufgaben ſtets danach zu ſtellen, daß die Schüler genötigt ſind, ſich das Kartenbild lebhaft zu vergegenwärtigen.
In dieſer Weiſe ungefähr wäre die Sache vorher mit dem Probandus zu beſprechen. Wohnt er nun einem ſolchen Unterricht bei und erhält nebenher eingehendere theoretiſche Erläuterungen, ſo wird er auch bald imſtande ſein, erſt kleinere, dann größere Partien deſſelben ſelbſt durchzu⸗ führen. Dann iſt ihm in den Theorieſtunden auch leicht verſtändlich zu machen, was Anſchau⸗ ungsunterricht und was Aſſoziation iſt, er erkennt leicht, was immanente Repetition bedeutet und wie dieſe viel wirkſamer iſt als das ewige eintönige Abhaſpeln der Paragraphen im unvermeidlichen Daniel. Er wird auch bald lernen, daß man Intereſſe nicht durch künſtliche Mittel zu wecken braucht, ſondern daß das für jeden Unterrichtsgegenſtand von ſelbſt erwacht, wenn derſelbe nur zweckmäßig und der Natur der Zöglinge entſprechend betrieben, denſelben nicht zugemutet wird, verworrene Maſſen von Namen und Zahlen ſich mechnaniſch in den Kopf zu pauken, ſondern man ſie planmäßig durch klare Anſchauungen zu klaren Vorſtellungen und Begriffen führt, wenn na⸗ mentlich durch immer wechſelnde Aufgaben die in dieſem Lebensalter bekanntlich beſonders lebhafte Phantaſie angeregt und der Verſtand in ſteter Thätigkeit erhalten wird. Ob das ſo angeregte In⸗ tereſſe ein mehr ſpekulatives oder empiriſches oder welches es iſt, die Sorge mag er ſich für ſpätere Zeiten aufheben.
Eine andere Seite des Anſchauungsunterrichts zeigt ſich dem Probandus in den Sprachen. Man mache ihm von vornherein klar, daß Anſchauungen nicht blos durch das Auge, ſondern auch durch das Ohr gewonnen werden, daß es nicht nur ſinnliche, ſondern auch geiſtige Anſchauungen giebt, daß alſo jener für den Philologen nicht nur in dem Vorzeigen von Modellen und Abbildungen antiker Gegenſtände beſteht, ſondern daß jede Sprachform, jeder Satz ein Anſchauungsobjekt bilden kann. Beſonders wichtig, aber trotzdem viel zu wenig beachtet iſt dieſer Satz in der Mutterſprache. Man zeige alſo, daß, ſowie das Kind dadurch ſprechen lernt, daß die Lautbilder der einzelnen Wörter ſich in ſeinem Gedächtnis feſtſetzen, ſo auch der Schüler orthographiſch ſchreiben nur dadurch, daß er die richtigen Schriftbilder derſelben ſeinem Auge feſt einprägt. Wie ſchwierig aber die Beſeitigung aufgenommener und eingewöhnter falſcher Lautvorſtellungen iſt, zeigt am beſten die


