Aufsatz 
Zur Frage der Probanden-Ausbildung / August Waldeck
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Anſchauung, natürlich ohne die Einſeitigkeiten und Üübertreibungen. Daß alle Erkenntnis vom Anſchauen ausgeht, haben ſicher ſchon vor Peſtalozzi die intelligenten Lehrer, wenn nicht klar ge⸗ wußt, ſo doch empfunden und ihre Methode mehr oder weniger unbewußt darauf gebaut, ſo gut wie ſchon vor Ariſtoteles ein Sokrates Induktion und Deduktion meiſterhaft handhabte. Auch heute wird kein Schulmann die Richtigkeit dieſes Satzes beſtreiten, wenn auch wenige ihn voll⸗ ſtändig und mit bewußter Konſequenz anwenden. Ähnlich ſteht es mit den Grundgedanken der Herbart'ſchen Pädagogik. Dieſelben Herren, die ihn verwerfen, weil noch vielfach die Formalſtufen und die Lehre von den Arten des Intereſſes einer pedantiſchen oder mißverſtändlichen Auffaſſung begegnen, ſie werden doch nicht leugnen, daß ſie ſelbſt bei ihrem Unterricht die Erweckung des Intereſſes als ein Hauptziel betrachten, daß ſie alles neu zu Erlernende an den vorhandenen Vor⸗ ſtellungskreis der Schüler anzuknüpfen und in demſelben ſorgfältig einzugliedern trachten, daß das ſo Gelernte nachher auch durch planmäßige Anwendung eingeübt und dadurch erſt zum ſicheren Eigentum gemacht werden muß. Dieſe wenigen Sätze bilden das naturgemäße, von Miemandem beſtrittene Fundament aller Pädagogik: ihre ſtrenge Befolgung nötigt von ſelbſt nicht blos zu einer ſcharfen logiſchen Durchdringung und Gliederung des Stoffes, ſondern auch zu ernſlem, immer tiefer eindringendem Studium der Tunktionen des menſchlichen Geiſtes, ſpeziell des Gedächtniſſes. So⸗ weit dieſe Sätze in einem Wiſſen beſtehen, ſind ſie dem Anfänger in wenigen Stunden einzuprägen, aber ihre wirkliche Handhabung zu erlernen, ich meine nicht blos eine gelegentliche, probeweiſe. ſondern eine konſequente, derartige, daß der ganze Unterricht davon durchdrungen iſt, das iſt die ſchwierige Aufgabe des Lehrlings, ſo ſchwierig, daß auch der erfahrenſte Meiſter eingeſtehen wird, daß er noch oft genug dagegen fehlt.

Wie iſt nun dieſe Aufgabe am ſicherſten zu löſen? Indem man dem Kandidaten 1. im Unterrichte ſelbſt zeigt, wie es zu machen iſt, 2. ihm nebenher, geſtützt auf die konkreten Beiſpiele, die er in der Stunde geſehen, theoretiſch die obigen Grundſätze, auf denen das Verfahren beruht, entwickelt und begründet, 3. ihn dann in einzelnen Lektionen, deren Ziel und Gang vorher genau mit ihm zu beſprechen iſt, ſich ſelbſt damit verſuchen läßt. Einige flüchtig ſkizzirte Beiſpiele mögen dies veranſchaulichen.

Der Probandus ſoll in den geographiſchen Unterricht einer Unterklaſſe eingeführt werden. Das Penſum ſei Deutſchland. Iſt es in VI, ſo daß nichts vorausgeſetzt werden darf, ſo iſt natür⸗ lich zunächſt die Erklärung der Karte nötig, wobei ein etwa vorausgegangener Anſchauungs⸗ unterricht durch Heimatskunde zu benutzen iſt. Jedenfalls ſind folgende Punkte vorher zu beſprechen:

1. Ziel und Plan. Erſteres beſteht nicht in einem Einlernen möglichſt vieler Namen von Gebirgen, Flüſſen, Städten mit den Einwohnerzahlen ꝛc., ſondern hauptſächlich in einem möglichſt ſcharfen und feſten Einprägen des Kartenbildes, auch nicht ſogleich bis in alle Einzelheiten hinein, ſondern zuerſt die Grundzüge. Man verfahre dabei nach dem Vorbilde des Malers, der auch nicht erſt den Kopf oder die Beine ſeines Bildes fertig ſtellt und dann der Reihe nach an die übrigen Teile geht, ſondern erſt den Grundriß des Ganzen und die wichtigeren Hauptzüge entwirft und ſich dann an die Einzelausführung macht. Welches ſind nun dieſe Grundzüge? a. Vor allem das Verhältnis des Landes zum übrigen Europa, ſpeziell zu den Nachbarländern, Geſtalt, Grenzen; b. die Bodensbeſchaffenheit in großen Zügen: ſüdliches Gebirgsland und oberrheiniſche Tiefebene, nördliches Tiefland, von Gebirgszügen nur Fichtelgebirge, Böhmerwald, Alpen, Vogeſen, Schwarz⸗