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Anfänger, wenn das auch etwas banauſiſch klingt, erſt eine Lehrlingszeit durchmachen. Kein Muſik⸗ lehrer beginnt ſeinen Unterricht mit Harmonielehre, kein Maler ſchickt ſeinen Lehrling von vorn herein auf die Akademie; er würde das dort Gehörte nicht verſtehen, und ſoweit er es verſtände, würde es als totes Material in ſeinem Gedächtnis ruhen, und ſpäter, wenn er es anwenden ſoll, würde es entweder vergeſſen ſein, oder es würde ihm da, wo er es gebrauchen muß, nicht ins Bewußtſein treten, wenigſtens nicht ſo, daß er es verwerten kann. Die Handhabung der lateini⸗ ſchen Sprache, ſei es zum Hin⸗ oder Herüberſetzen, iſt doch jedenfalls eine viel weniger praktiſche Kunſt als das Unterrichten. Nun denke man ſich einen jungen Menſchen von vorzüglichen Fähig⸗ keiten, der dieſe Sprache lediglich ſo ſtudierte, daß er eine oder mehrere noch ſo ſyſtematiſche, noch ſo wiſſenſchaftliche Grammatiken ſich gründlich einprägte und daneben ein geeignetes Lexikon voll⸗ ſtändig auswendig lernte. Wenn ihm dies im vollſten Maße gelänge, würde er damit wohl im Stande ſein, auch nur ein Kapitel Cäſar zu überſetzen oder ein Quartaner⸗Exercitium anzufertigen? Ebenſo wenig würde ein Kandidat, der alle möglichen pädagogiſchen Werke vorher gründlich ſtudiert hat, vor der Klaſſe etwas damit anfangen können. So wenig wie jenem Latein Lernenden alle die zahlloſen Regeln, die er ſeinem Gedächtnis eingeprägt hat, die ihm aber nicht durch Anwendung ſo geläufig geworden ſind, daß er ſie unbewußt anwendet, in jedem einzelnen Falle ſogleich vor der Seele ſtehen, ebenſo kann der Lehrer, auch wenn er mit den reichſten pädagogiſchen Wiſſens⸗ ſchätzen beladen vor die Klaſſe tritt, die auf einmal hundert praktiſche Anforderungen an ihn ſtellt, ſich nicht erſt fragen: Was gilt denn nun hier von dem, was ich gelernt habe? Was muß ich zunächſt anwenden und wie mache ich das? Er wird alſo, alles Einſtudierte vergeſſend, ſeine Sache machen, ſo gut ſein eigener praktiſcher Sinn es ihm eingiebt. Dieſelbe planmäßige Einübung wie bei den Regeln einer Sprache, iſt auch bei den Geſetzen der pädagogiſchen Kunſt nötig, ja hier in noch höherem Grade, weil die Kunſt eine viel ſchwierigere, der Abſtand zwiſchen Wiſſen und Kön⸗ nen ein viel größerer iſt als bei einer Sprache. Man glaube doch ja nicht, daß die Geſetze des Erkennens und Lernens bei einem jungen Mann andere ſeien als bei einem Knaben; wie es bei dieſem ein ſchwerer Fehler iſt, Maſſen von gedächtnismäßigem Wiſſen anzuhäufen ohne die ent⸗ ſprechende Einübung, ſo auch bei jenem. Auch für den Pädagogik ſtudierenden Jüngling iſt für den Anfang der naturgemäße Weg der Erkenntnis das Aufſteigen vom Konkreten zum Abſtrakten. Auch er hat Anſchauung nötig; aus dieſer ſind ihm dann die didaktiſchen Regeln zu entwickeln, dieſe durch die Geſetze der Logik und der empiriſchen Pſychologie zu begründen und an weiteren Beiſpielen aus anderen Fächern zu illuſtrieren, und in den folgenden Lehrſtunden hat er ſie ſelbſt nach gehöriger Vorbereitung anzuwenden. So muß er auf dem natürlichen Wege alles Lernens, bevor er auf die Höhen philoſophiſcher Spekulation geführt wird, die Technik ſeiner Kunſt er⸗ lernen. Dies iſt für ihn gerade ſo nötig, wie für den Maler, daß er erſt die Führung des Pinſels, die Miſchung der Farben, die Wirkung des Lichts und der Perſpektive ꝛc. kennen lernt, ehe er die verſchiedenen Auffaſſungsweiſen der einzelnen Schulen ſtudieren kann.
Worin beſteht nun dieſe Technik? Nicht etwa nur in einer Summe von Kunſtgriffen, die zu einer bloßen Routine führen würden, ſondern in der Kenntnis und bewußten Anwendung derjeni⸗ gen pädagogiſchen Grundſätze, die von allen tüchtigen Schulmännern, ſie mögen ſich Naturaliſten nennen oder einer beſtimmten Schule angehören, gleichmäßig als grundlegend anerkannt werden, und die kein Lehrer ungeſtraft verletzen darf. Dahin gehört z. B. die Peſtalozzi'ſche Lehre von der


