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gebrauchte und mißbrauchte Dichtererklärung hat, durchaus angemeſſen iſt, wenn er zwar die Be⸗ denken und Erklärungen der Sophiſten widerlegt und durch haltbarere erſetzt, aber doch auch ſeinerſeits keineswegs überall darauf ausgeht, die Anſicht des Dichters zu entwickeln, ſondern ſeine eigenen Anſichten in dem Gedichte wieder zu finden, auch wohl künſtlich hineinzutragen und unterzulegen bemüht iſt.“ Und daß dies wirklich ſeine Abſicht iſt, beweiſt die eigenthümliche Art ſeiner Argu⸗ mente. Erſtens hat die Beziehung des 4.αεςα in Vers 1 auf die Löſung des fraglichen Widerſpruchs gar keinen Einfluß; er hätte füglich die Verbindung des Protagoras acceptiren oder die Sache unberührt laſſen können, thut es aber nicht, weil der dagegen vorzubringende Grund zugleich ſeine Spitze gegen die oberflächliche Tugendauffaſſung ſeines Gegners kehrt und die eigene begrifflich ſcharfe Faſſung zeigt. Ferner ſetzt die Deutung der Verſe: rodαeεαας ⁴ιν ydg si ðν αr*e αναmς, νανε dν l ναάάας grade denjenigen philoſophiſchen Gedanken voraus, auf welchen der ganze Dialog ſchließlich hinausläuft, den, daß alle Tugend in einem Wiſſen beſtehe. Endlich wird ebenſo durch die Trennung des 2xι von 20] und die Verbindung mit e&nαμι νυαάα σι⁵εo ein ſo eigenthümlich ſokratiſcher Grundſatz gewonnen,— kein Menſch thut freiwillig Unrecht— daß die Vermuthung eines abſichtlichen Hineintragens vollſtändig begründet erſcheint. So erreicht denn Plato durch die Beſprechung des Gedichts einen doppelten Zweck: Einmal zeigt er den Sophiſten die Oberflächlichkeit und Verkehrtheit ihrer ganzen Art der Dichter⸗ erklärung, die darin beſteht, einzelne Stellen herauszureißen und Widerſprüche in ihnen nach⸗ weiſen zu wollen, ſtatt ſie aus dem Zuſammenhange heraus zu erläutern, ſowie das Bedenkliche ihres Verfahrens, Dichterworte als Belege für philoſophiſche Wahrheiten zu citiren, inſofern bei dieſer Methode ſich heraus- und hinein interpretiren läßt was man will. Dann weiſt er ſchon jetzt auf die nachher zu entwickelnde Tugendanſicht hin, indem er dieſelbe dem Simonides unter⸗ legt, und gewinnt ſo in den Augen der Sophiſten im Voraus gleichſam eine Auctorität für dieſelbe. 1
Stellen wir zum Schluß die Frage nach dem Zweck und Grundgedanken des ganzen Dialogs auf. Von jeher ſind die Meinungen der Erklärer darüber nach zwei Richtungen aus einander gegangen: die Einen legen das größere Gewicht auf diejenigen Partien, die ſich ausſchließlich auf die Darſtellung des Treibens der Sophiſten beziehen, und halten demnach die polemiſche Seite des Geſprächs für die Hauptſache, die Bekämpfung der ſophiſtiſchen Lehre und Methode für den Zweck. Andere betonen die poſitiven Reſultate der dialectiſchen Erörterungen und halten die Entwickelung und Begründung des philoſophiſchen Tugendbegriffs im Gegenſatz zu der Tugend des gewöhnlichen Lebens für das Ziel des Ganzen. Aeußerlich betrachtet hat allerdings die erſtere Anſicht Vieles für ſich. Die ganze Anlage iſt eine faſt dramatiſche; die bedeutendſten Sophiſten treten uns auf Einer Bühne zuſammen entgegen, die Schilderung ihres Treibens füllt einen großen Theil des Ganzen aus. Namentlich Protagoras tritt mit ſeiner ganzen inneren und äußeren Perſönlichkeit ſo entſchieden in den Vordergrund, daß man ihn dem Titel der Schrift gemäß für den Hauptgegenſtand halten ſollte. Das Geſpräch fließt zwanglos und ſcheinbar ohne einen rothen Faden dahin, und die dialectiſchen Erörterungen fügen ſich nur wie zufällig und gelegentlich in das geiſtreich prunkende Gerede der Sophiſten über allerlei Dinge ein. Dazu kommt, daß in dem Vorgeſpräch zwiſchen Sokrates und Hippokrates als Zweck des Beſuches im


