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iſt trotz der vielen Gründe, mit denen Protagoras das Gegentheil zu beweiſen ſucht, nicht lehr⸗ bar, eine Anſicht, die allgemein, wenigſtens als unbeſtimmtes Gefühl, im griechiſchen Volke ver⸗ breitet war. Die Frage nach ihrer Lehrbarkeit führt nothwendig weiter zu einer Unterſuchung über das Weſen der Tugend. Sie ſtellt ſich heraus als ein Wiſſen des Guten; das Gute aber iſt identiſch mit dem Angenehmen, und in dem Angenehmleben im ſokratiſchen Sinne liegt das höchſte Ziel des Menſchen. Daraus folgt der Satz, daß, wer das Gute weiß, es auch nothwendig wollen muß, ſo gewiß Niemand ſein eigenes Unglück will. Iſt die Tugend aber ein Wiſſen, ſo iſt ſie auch ihrem Weſen nach eine Einheit, und wie jedes Wiſſen durch Unter⸗ richt mitzutheilen. So kommt es, daß Sokrates, der anfangs ihre Lehrbarkeit geleugnet, dieſelbe ſchließlich ſelbſt gegen Protagoras vertheidigt, freilich in ganz anderem Sinne als ſein Gegner ſich die Sache gedacht hatte.
Dieſe Unterſuchungen rein dialectiſcher Natur, die auf ein beſtimmtes poſitives Reſultat abzielen, finden ſich in eine Reihe von Geſprächen zwangloſerer Art eingeflochten, deren Zweck und Zuſammenhang mit jenen ſich nur begreifen läßt, wenn man Plato's Stellung zu ſeiner ganzen Zeit und deren geiſtiger Richtung ins Auge faßt. Die Philoſophie vor Sokrates hatte ſich nur mit abſtracten Spekulationen über das Weſen und den Urſprung der Dinge befaßt; welches iſt das Princip, das den wechſelnden Formen der Erſcheinungswelt als das Bleibende und Unveränderliche zum Grunde liegt? Das war das einzige Problem, auf das ihre Forſchun⸗ gen gerichtet waren, ein Problem, das die Einen durch dieſe, die Anderen durch jene Hypotheſe zu löſen ſuchten. Solchen unfruchtbaren Speculationen gegenüber machten ſich nun bei dem durch die Perſerkriege mächtig erregten und geſteigerten geiſtigen Leben des helleniſchen Volkes, beſonders bei den Athenern, das Bedürfniß nach einer mehr practiſchen Richtung des philo⸗ ſophiſchen Denkens fühlbar; der Athener bedurfte einer Lebensweisheit, die er in ſeinem Staate, in ſeiner Volksverſammlung verwerthen konnte, 1⁴εα, allgemeine Geiſtesbildung, wurde das Loſungswort der vorwärts ſtrebenden Zeit. Dieſem Bedürfniß entſprachen die Sophiſten. Sie kündigten ſich als Lehrer der oern, der ſtaatsbürgerlichen Tüchtigkeit im umfaſſendſten Sinne des Wortes an, und verſprachen dem nach Auszeichnung ſtrebenden griechiſchen Jüngling eine geiſtige Ausbildung zu geben, die ihm ein Uebergewicht über ſeine Mitbürger verſchaffen ſollte. Bei dieſer rein practiſchen Tendenz ihres Unterrichts war es natürlich kaum möglich, irgend ein poſitives wiſſenſchaftliches Princip aufzufinden, auf das ſich ihre Lehre gründen ließe; ſie gaben daher den Grundſatz auf, auf welchem alle bisherige Philoſophie beruhte, daß dem ſubjectiven Bewußtſein eine objective Wirklichkeit entſpricht, und ſtellten ſich auf den Stand⸗ punkt der abſoluten Subjectivität, d. h. ſie erklärten, daß es nichts an ſich Wahres und Gutes gäbe, ſondern daß nur das wahr und gut ſei, was dem Einzelnen als ſolches erſcheine. Dieſe Lehre faßte der geiſtig bedeutendſte unter ihnen in den Satz zuſammen:„Der Menſch iſt das Maaß aller Dinge“. Die nothwendige Folge dieſes Grundſatzes war denn, daß es für den Sophiſten kein eigentliches Wiſſen gab, noch etwas ſittlich Gutes, ſondern an deſſen Stelle trat


