Aufsatz 
Analyse des Platonischen Protagoras / Waldeck
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Damit iſt alſo der Satz erwieſen, daß kein Menſch freiwillig und wiſſentlich das Böſe thut, ſondern nur aus Mangel an Erkenntniß des Guten. Wenn nun das höchſte Ziel alles menſch⸗ lichen Strebens Glückſeligkeit iſt, und mit dieſem Satze begründen ſowohl Sokrates wie die Sophiſten und auch noch Plato in ſeinen Jugendſchriften ihre ganze Moral ſo folgt daraus, daß der Menſch nothwendig, ſo bald er es erkennt, das Gute, das ja zugleich das Angenehme iſt, thun muß ſowie das Böſe fliehen, und es beſteht demnach alle Tugend in einem Wiſſen des Guten. Dieſer letzte Satz wird noch beſonders anſchaulich gemacht durch zwei aus der Natur entlehnte Analogien, mit Raum⸗ und Zahlengrößen. Die erſteren erſcheinen in der Nähe größer, in der Ferne kleiner, der Augenſchein täuſcht alſo über ſie. Hinge nun von ihrer richtigen Schätzung das Lebensglück ab, ſo wäre offenbar die Meßkunſt, die uns derartige Größen unter⸗ ſcheiden und beurtheilen lehrt, die höchſte Lebensweisheit. Nun aber hängt dieſe von der richti⸗ gen Werthſchätzung des Angenehmen und Schmerzlichen(oder des Guten und Böſen) ab. Mithin beſteht die«oerr, in derjenigen Kunſt, die uns dies beurtheilen lehrt, alſo in einem Wiſſen. In derſelben Weiſe wird die zweite Analogie durchgeführt.

Nachdem ſo die Tugend ſich als ein Wiſſen erwieſen hat, ſo folgt ihre Lehrbarkeit unmit⸗ telbar von ſelbſt daraus. Nunmehr wird die früher unentſchieden gebliebene Streitfrage über das Verhältniß der r⁴οε zur&niuενjſſh wieder aufgegriffen und im Lichte der bisher gewon⸗ nenen Reſultate geprüft. Vorher hat Protagoras den Tapfern als denjenigen beſtimmt, der auf das losgeht, worauf Andere nicht losgehn, auf die Gefahr. Da aber erwieſen, daß Jeder wiſſentlich nur das Gute thut, ſo folgt, daß Keiner auf das losgehn will, was er für ein Uebel hält. Dann wird(358 D) unter allgemeiner Zuſtimmung außer der des Prodicus der Begriff Furcht definirt als die Erwartung eines Uebels. Dies wird in ein Urtheil dahin umgeformt, daß Jeder das für ein Uebel hält, was er fürchtet. Dies als Unterſatz mit dem Vorhergehen⸗ den als Oberſatz ergibt als Schluß, daß kein Menſch, ſoweit es in ſeinem freien Willen ſteht, auf das losgeht, was er fürchtet, und daſſelbe poſitiv ousgedrückt: Jeder geht nur auf das los, was er nicht für ein Uebel hält, alſo nicht fürchtet. Damit ſteht aber die Behauptung des Protagoras, daß der Tapfere auf das Gefahrvolle, dagegen der Feige nur auf das Gefahrloſe losgehe, in directem Widerſpruch, und es reducirt ſich der Unterſchied zwiſchen beiden wiederum auf den zwiſchen dem Wiſſen und Nichtwiſſen von dem, was gut und übel iſt.

Protagoras kann ſich aber immer noch nicht von der vulgären Auffaſſung losreißen und zu dem Standpunkt des Sokrates erheben, ſondern beruft ſich dieſem Ergebniß gegenüber auf die Erfahrung, nach welcher die Tapfern bereitwillig in den Krieg ziehn, die Feigen nicht. Dieſer Einwand wird mit Leichtigkeit indirect beſeitigt dadurch, daß er als im Widerſpruch mit den vorangehenden Beſtimmungen ſtehend dargethan wird. Schon früher war feſtgeſtellt, daß das Schöne zugleich gut ſei; den Krieg fürs Vaterland aber muß Protagoras als etwas Schönes anerkennen, und die Schlußfolgerungen daraus ergeben ſich leicht von ſelbſt.

Faſſen wir nun die poſitiven Reſultate der bisherigen Unterſuchungen zuſammen, ſo ergiebt ſich Folgendes: Die gewöhnliche Auffaſſung der Tugend, wonach dieſelbe eine inſtinktmäßige, nicht auf dem Bewußtſein der Gründe, ſondern nur auf Gewohnheit beruhende Art zu handeln iſt, zeigt ſich als unhaltbar, und iſt für die philoſophiſche Betrachtungsweiſe nicht zu gebrauchen. Sie