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Medicamente. Jene heißen nicht deshalb Uebel, weil ſie augenblicklichen Genuß gewähren, ſon⸗ dern inſofern ſie unangenehme Folgen haben; hätten ſie dieſe nicht, ſo würde man ſie ein Gut nennen. Ebenſo heißen die letzteren Güter, nicht weil ſie augenblicklichen Schmerz verurſachen, ſondern weil ſie heilſame Folgen haben: Geſundheit und Kraft des Körpers, Freiheit und Herr⸗ ſchaft über Andere. Hätten ſie dieſe nicht, ſo würde man ſie Uebel nennen. Daſſelbe läßt ſich von allen Gütern und allen Uebeln nachweiſen, wie es hier von einzelnen geſchehen iſt, und es folgt alſo daraus der allgemeine Satz, daß der Geſichtspunkt, von dem aus wir die Dinge als gut und übel bezeichnen, lediglich der des Angenehmen und Schmerzlichen iſt, oder: Was ange⸗ nehm iſt, iſt als ſolches ein Gut, was ſchmerzlich, iſt als ſolches ein Uebel, folglich ſind beide Begriffe beziehungsweiſe identiſch.
Nunmehr wird zu dem obigen Satze zurückgekehrt und das logiſche Geſetz angewandt, daß man gleiche Begriffe für einander ſetzen darf. Statt der vier Ausdrücke werden zuerſt blos die zwei: gut und böſe, geſetzt, und es ergiebt ſich: der Menſch thut das Böſe, obgleich er es als böſe erkennt, doch, von dem Guten(= der Luſt) beſiegt. Nun zeigt die Erfahrung, daß der Menſch ſeiner Natur nach von zwei Dingen immer das wählt, welches das werthvollere iſt,4) alſo muß das Böſe bei ſeinem Handeln werthvoller ſein als das Gute. Das einzige Maaß für die Werthſchätzung des Guten und Böſen iſt aber die Größe, alſo kommt der abſurde Satz her⸗ aus: der Menſch wählt ſtatt eines kleineren Gutes ein größeres Uebel, obgleich er erkennt, daß es ein Uebel iſt.— Dann werden in demſelben Satze die Begriffe angenehm und ſchmerzlich angewandt und er lautet: Der Menſch thut das Schmerzliche trotz der Erkenntniß, daß es ſchmerzlich iſt, von dem Angenehmen beſiegt. Daraus ergiebt ſich wiederum das Paradoxon: der Menſch wählt das Schmerzlichere ſtatt des weniger Angenehmen, obgleich er erkennt, daß es ſchmerzlich iſt.
Dagegen erhebt freilich die Volksanſchauung den auf der Erfahrung beruhenden Einwand, daß„das zeitlich Nähere ſtärker wirkt als das Entferntere“, daß alſo auch eine gegenwärtige Luſt mehr Macht ausübt, als ein zukünftiges Uebel. So ſehr die Richtigkeit dieſer Thatſache durch das tägliche Leben beſtätigt wird, ſo wenig zutreffend iſt der Einwand, wenn man die Sache vom Standpunkte des Sokrates aus betrachtet, denn ſie geht ſtets aus einem Mangel an richtiger Werthſchätzung von Luſt und Schmerz, alſo an Einſicht hervor. Dies wird durch das Bild des Abwägens anſchaulich gemacht. Wer richtig zu wägen verſteht, wird immer, wenn Luſt gegen Luſt in der Wagſchale liegt, das Größere, wenn Schmerz gegen Schmerz, das Kleinere wählen, er wird verſchmähen, wenn der Schmerz in der einen Schale die Luſt in der andern überwiegt, und im umgekehrten Falle nehmen, ganz abgeſehen davon, ob irgend eins davon näher oder entfernter iſt als das andere. Alſo das begriffliche Verhältniß dieſer Dinge bleibt von dem Verhältniß der Zeit durchaus unberührt.
4) Die Ausdrücke d α und 4α αοs bieten für die Ueberſetzung Schwierigkeit, denn bei engerem Anſchließen an die Grundbedeutung wird der Sinn der ganzen Schlußfolgerung im Deutſchen verworren. Ich habe dieſen Ausdruck gewählt, weil er mir den Sinn am beſten wieder zu geben ſcheint, und ſich dabei das nachherige Subſtantiv&ick durch ein Wort deſſelben Stammes überſetzen läßt.


