Aufsatz 
Analyse des Platonischen Protagoras / Waldeck
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luſt, ganz abgeſehen von den Folgen, die häufig in das grade Gegentheil umſchlagen. Daher kreuzen ſich dann nach dieſer Auffaſſung die beiden Begriffspaare: das Angenehme kann ein Uebel, das Schmerzliche ein Gut ſein, je nach den angenehmen oder ſchmerzlichen Folgen. So⸗ krates aber faßt beides von einem höheren Standpunkte aus auf, der nicht blos den Augenblick, ſondern auch die ſpäteren und mittelbaren Folgen berückſichtigt, und danach iſt das Angenehme das, was immer, auch in ſeinen Folgen, angenehm iſt, ſchmerzlich Alles, was trotz momentanen Luſtgefühls zu Schmerz und Unluſt führt. Danach iſt dann natürlich das Angenehme mit dem Guten und das Schmerzliche mit dem Uebel ſchlechthin identiſch. Zu dieſem Standpunkte kann ſich aber der Sophiſt bei ſeiner oberflächlichen Art zu denken nicht erheben, ſondern ſich anlehnend an die volksthümliche Auffaſſung ſtellt er den Beſtimmungen des Sokrates eine Dreitheilung der Dinge entgegen: Manches Angenehme iſt ein Uebel, manches Schmerzliche ein Gut, Anderes keins von beiden, und verlangt für die Anſicht des Gegners erſt den Beweis. Bevor nun So⸗ krates dieſen antritt, gibt er zunächſt dem Geſpräch eine etwas andere Wendung, indem er, äußerlich wenigſtens, den Sophiſten auf ſeine Seite zieht und mit ihm gemeinſam gegen eine herrſchende Volksmeinung ankämpft. Dadurch gewinnt er den Vortheil, daß er die Empfindlich⸗ keit ſeines Gegners ſchont und ihn um ſo bereitwilliger macht, und doch ſeine Anſicht, die im Grunde genommen in der Volksanſchauung wurzelt, widerlegt. Er wirft nämlich die Frage auf: Welches iſt die Stellung, die die Erkenntniß im Menſchen den Leidenſchaften gegenüber einnimmt? Iſt ſie eine herrſchende, d. h. iſt ſie im Stande, Zorn, Luſt, Schmerz, Liebe, Furcht ꝛc. nieder⸗ zuhalten, ſo daß der Menſch bei richtiger Erkenntniß des Guten ſich nicht dahin bringen läßt, das Gegentheil davon zu thun, oder iſt das Umgekehrte der Fall? Das Lettere iſt die allge⸗ meine Anſchauung der Menge, Protagoras aber, der ja als Lehrer der Weisheit und Tugend auftritt, kann unmöglich den Gegenſtand ſeines Unterrichts ſo weit herabſetzen, daß er ihm eine den Leidenſchaften untergeordnete Stellung giebt, und muß deshalb auf die Seite des Sokrates treten. Nunmehr wird alſo das Volk der fingirte Gegner im Geſpräch, und die Behauptung des Sokrates ihm gegenüber geſtaltet ſich beſtimmt ſo: der Menſch thut nie, wenn er das Gute erkennt, das Böſe, weil er durch die Luſt beſiegt wird.

Der Beweis iſt ein indirecter. Es wird dargethan, daß die Annahme des Gegentheils zu Abſurditäten führt. Zunächſt wird der vorhin fallen gelaſſene Satz von der Identität des Guten mit dem Angenehmen und des Böſen mit dem Schmerzlichen wieder aufgenommen und der Beweis dafür beigebracht. Er wird hergeſtellt durch Induction und eine unmittelbare Folgerung. Die einzelnen Beiſpiele, von denen aus inducirt wird, ſind für das Böſe: Eſſen, Trinken und Liebes⸗ genuß,³) für das Gute: gymnaſtiſche Uebungen, Feldzüge, ſchmerzhafte ärztliche Operationen und

3) Deuſchle findet in den Worten 353 C: 070 0441,*ς ιτ σερι ντχαάαά π⁵σαννmQ᷑x 2£ 9064- Gαν νκε̈αουμε νοs eine Beſchränkung der 1το auf ſinnliche Genüſſe. Wohl mit unrecht, denn 1. tritt der Satz nachher wieder in ſeiner früheren Allgemeinheit auf; 2. iſt nicht abzuſehen, warum nicht daſſelbe ſich von geiſtigen Genüſſen beweiſen ließe, und 3. liegt ein guter Grund vor, weshalb Plato grade dieſe Genüſſe zu ſeinem Inductionsbeweiſe wählt: ſie ſind die ſtärkſten und allgemeinſten, und deshalb der Menge einleuchtendſten. Auch weiſt die Analogie der andern Seite darauf hin, da dort unter den Gütern

geiſtige und körperliche genannt werden. 2