Aufsatz 
Analyse des Platonischen Protagoras / Waldeck
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ändern ſind; ſittliche Gebrechen werden beſtraft, um ſie zu beſſern, was abſurd wäre, wenn man nicht die Tugend für lehrbar hielte.

Gegen den zweiten Satz des Sokrates, die Staatsmänner betreffend, werden ebenfalls zwei Gegenbeweiſe beigebracht:

a) ein indirecter: Es wäre ein Widerſpruch, wenn die Athener ihre Söhne dasjenige lehren wollten, auf deſſen Mangel keine Strafe ſteht, nämlich ſämmtliche Künſte und Wiſſenſchaften, grade dasjenige aber, auf deſſen Mangel Tod und Verbannung als Strafe geſetzt ſind, nicht lehren wollten.

b) ein directer durch Hinweiſung auf alle die mannichfachen Veranſtaltungen der Athener, um ihre Jugend zur Gerechtigkeit und überhaupt zur edxooαεα und douriæ der Seele zu erziehen.

Es bleibt dann endlich noch übrig, die thatſächliche Erſcheinung zu erklären, daß die Söhne großer Staatsmänner die ez] ihrer Väter nicht beſitzen. Dies geſchieht durch eine Analogie: Wäre die allgemeine Kenntniß des Flötenſpiels eine weſentliche Vorbedingung der Exiſtenz des Staates, ſo würde ſchon aus eigenem Intereſſe Jeder den Andern neidlos in demſelben unter⸗ richten und den darin Untüchtigen tadeln und ſtrafen. Die Folge würde ſein, daß bei dieſem allgemeinen gegenſeitigen Unterricht nicht die Söhne großer Flötenſpieler ſich wieder in dieſer Kunſt auszeichneten, ſondern daß diejenigen die Tüchtigſten ſein würden, welche die meiſte natür⸗ liche Begabung dazu beſitzen. So verhält es ſich mit der Gerechtigkeit und bürgerlichen Tüchtig⸗ keit; daher kommt es, daß in Athen Keiner ein eigentlicher Laie iſt in der agers τντον, ſondern Jeder gegenüber von Menſchen, die ohne alles Geſetz und Recht und ohne alle Bildung aufgewachſen ſind, ein Sachverſtändiger darin iſt.

Prüfen wir nun die innere Wahrheit und die beweiſende Kraft dieſer Ausführungen, ſo er⸗ giebt ſich folgendes:

1) Der Mythus leidet bei aller Schönheit der Erfindung an vielen Willkürlichkeiten: grade diejenigen Umſtände, aus denen der allegoriſch darzuſtellende Gedanke, daß Künſte und techniſche Fertigkeiten nur Einzelnen, die 0 ν τπmw9⁹ dagegen Allen zu Theil geworden ſei, hauptſächlich hervorleuchten ſoll, liegen nicht im natürlichen Hergang der Dinge, ſondern ſind gewaltſam hineingetragen. Zu dieſen Umſtänden gehört:

a) daß dem Epimetheus grade als er mit ſeiner Vertheilung an den Menſchen kommt, ſeine Gaben und Kräfte ausgehn. Wo iſt etwas davon geſagt, oder worin liegt ein Grund zu der Annahme, daß dieſelben dem Epimetheus in beſchränktem Maaße, und nicht für alle Geſchöpfe gegeben ſeien?

b) Auch nachdem die Menſchen bereits alle Gaben und Künſte des Häphaiſtos und der Athene erhalten, leben ſie anfangs doch noch in Vereinzelung und pflegen gleichwohl jene Künſte und bilden eine Sprache.

c) Trotz aller Klugheit und Kunſtfertigkeit, mit der ſie ſich ihre Lebensbedürfniſſe be⸗ ſchaffen, ſollen ſie doch nicht im Stande ſein, ſich gegen die Thiere zu ſchützen.

d) Sie bauen den Göttern ſchon Altäre und Bilder, was doch nothwendig eine gewiſſe