einen Traum, nach welchem ſie einen Löwen gebar, dem Einhörner und Leoparden folgten und dieſen wieder Bären und Wölfe, bis endlich Hunde und andere kleinere Thiere kamen, die unter⸗ einander ſich anfielen— nach ihrer eigenen Auslegung ein Bild der fränkiſchen Könige. Die kräftige Periode des Löwen, der Einhörner und Leoparden war vorüber, auch die Bären und Wölfe hatten ausgekämpft; jetzt ſtritten die Hunde und kleineren Thiere unter einander und zer⸗ fleiſchten ſich gegenſeitig. Nirgends zeigte ſich eine großartige Geſinnung, nirgends eine Helden⸗ geſtalt. Das Reich war obendrein in Folge der häufigen Theilungen vielfach zerſpalten. Burgund und Aquitanien, wo das germaniſche Element niemals feſten Fuß gefaßt hatte, erlangten eine be⸗ ſondere Stellung; im eigentlichen Kern des Reiches ſchieden ſich Neuſter, der weſtliche Theil, in dem das römiſche Element allmählich wieder die Oberhand bekam, und Auſter,das öſtliche Land, welches deutſcher Sitte und Sprache im weſentlichen treu blieb. Die unfähigen Beherrſcher dieſer immer mehr ſich entfremdenden Theile führten untereinander verheerende Kriege, und im Innern der Reiche erhoben ſich daneben zahlloſe Streitigkeiten unter den Großen, die allen Ordnungen und Geſetzen Hohn ſprachen und die ſtaatlichen Banden lockern mußten.
Gleichzeitig war das Reich auf allen Grenzen von äußern Feinden bedroht. Die celtiſche Nationalität in der Bretagne gewann immer mehr Selbſtſtändigkeit; die Gascogner ſtiegen über die Pyrenäen und wiederholten von Jahr zu Jahr ihre verheerenden Einfälle in den ſüdlichen Theil des Landes. Die Herzöge von Baiern aus dem erlauchten Geſchlecht der Agilolfinger hatten ſich längſt zu unabhängigen Regenten emporgeſchwungen, nicht minder auch die in Ala⸗ mannien, und ſelbſt die neu begründete Herzogsgewalt in Thüringen war nur noch in ſchein⸗ barer Abhängigkeit vom fränkiſchen Reich. Bei einer ſolchen innern Aufloͤſung mußten um ſo gefährlicher die Feinde werden, die, wie Sachſen und Frieſen ſchon häufig ihre Einfälle ins Land machten, oder wie die Avaren an der Donau, und die wendiſchen Stämme an der Elbe vorerſt nur eine drohende Stellung gegen das Reich einnahmen.
Unter ſolchen Umſtänden ſchien die Frankenherrſchaft demſelben Schickſal zu verfallen, wie die der Gothen— ein Spielball ehrgeiziger Kämpfe im Innern und eine leichte Beute für die wachſamen und tapfern Feinde an den Grenzen. Man war an dem gefährlichſten Wende⸗ punkt für die Entwickelung des Abendlandes angekommen; der Zuſtand des kräftigſten aller germaniſchen Reiche und mit ihm der Zuſtand des ganzen Abendlandes ſchien hoffnungslos, als aus dem fränkiſchen Hofamt des Majordomus eine neue Macht erwuchs, die den immer mehr er⸗ bleichenden Stern des merovingiſchen Thrones in Schatten ſtellte, alle Kräfte des Reichs zu neuemedeihen zuſammenraffte, dem Frankenreich eine neue Weltſtellung und ſich ſelber den Thron erkämpfte. In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts traten die fränkiſchen Könige vollſtändig in den Hintergrund gegenüber dem Majordomus, der allmählich die geſammten Machtbefugniſſe der königlichen Gewalt in ſeiner Perſon vereinigte. Gewiß lohnt es ſich deshalb der Mühe, der erſten Geſtalt dieſes Amtes in der früheſten Zeit nachzuforſchen und ſeine weitere ſtets wachſende Bedeutung für die fränkiſche Geſchichte zu entwickeln.
Es haben die Geſchichtforſcher in großer Anzahl dieſen Gegenſtand theils eingehender behandelt, theils nur beiläufig berüͤhrt; aber die Reſultate ihrer Forſchungen gehen nach allen


