Aufsatz 
De Bacchiadis Corinthiorum / scripsit Carolus Wagner
Entstehung
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pathetiſchen Anklang; die übrigen, meiſt in lateiniſcher, franzöſtſcher und engliſcher Sprache gehalten, fanden beifällige Anerkennung der erworbenen Kenntniſſe und Fertig keiten. Geſang und Muſik bildeten dazu eine angemeſſene Begleitung.

Die hierauf. erfolgende Preisertheilung, nach franzöſiſchem Muſter und Vorbild aus dem vormaligen franzöſiſchen Lyceum in deutſcher Ermäßigung fortgeſetzt, mag ſelbſt in dieſer Form unter deutſchen Pädagogen manche Widerſacher haben. Die gerechten Bedenken, welchen die muſikaliſch intonirende Begleitung und die Cumulation der Prämien unterliegen, dürfen aber doch die pädagogiſche Phyſiognomik nicht verhindern, in der Geſtaltung des Ganzen manche bedeutſame Charakterzüge zu erkennen. Wer namentlich in unmittelbarer Anſchauung von der großen hierauf gerichteten Theilnahme der Eltern ſich überzeugt, und wie ihre Mienen ſich verklären, wenn die Namen ihrer Söhne proclamirt werden, und wenn dieſe dann ſelbſt hervortreten, durch den freien Gang in der Mitte zwiſchen den ihnen zugewendeten Zuſchauern hindurchſchreiten und die Stufen der Tribüne hinaufſteigen, um hier im Angeſicht der höchſten Würdenträger der Stadt, des Staates und der Kirche die verdienten Ehrenpreiſe in Empfang zu nehmen, der kann doch auch daran nicht zweifeln, daß eine tief eindringende Wirkung dadurch erzielt wird, welche der bloßen Dictatur des kategoriſchen Gebietens und Verbietens mit allen ſie begleitenden Maßregeln unerreichbar bleibt. Dieſe in Mainz durchaus populäre Sitte und Einrichtung, welche die Ertheilung aller Prämien in einen einzigen durch die Anweſenheit aller betheiligten Familien gemüthlich verſchönerten Moment zuſammendrängt, hat das weſentlich Gute, daß ſie ſich ſelbſt hierdurch zu einem um das Gymnaſium als Mittelpunkt gruppirten allgemeinen ſtädtiſchen Familienfeſte geſtaltet und ſo ganz vor⸗ züglich mitwirkt, das durch die Ungunſt der Verhältniſſe oft gelockerte Band, was die gelehrte Schule mit der Stadt und der ſtädtiſchen Bevölkerung verbinden ſollte, deſto inniger zu ſchlingen. Freilich möchten auch nur an wenigen Orten die Mittel geboten ſein, in jedem Unterrichtsgegenſtande jeder Claſſe(nur die erſte Claſſe bleibt ausgeſchloſſen) einen werthvollen Preis zu ertheilen, oder je zwei Schüler um denſelben looſen zu laſſen, ſo daß die Zahl der Preisträger, wenigſtens nach den verkündigten Namen, nicht nach den in ihnen öfters ſich wiederholenden Individuen, aber mit Ausſchluß der gleichfalls genannten Acceſſiſten gezählt, heute 140 betrug, von denen mancher, wenn ihm das Loos beſonders günſtig war, 6 bis 8 Prämien heimtragen mochte. Daß im Zeichnen, wo ſelbſt für akademiſches, Landſchafts-, Thier⸗ und Ornamentenzeichnen beſondere Prämien ertheilt werden, die Wirkung derſelben eine günſtige iſt, dies beweiſt in über raſchender Weiſe die aus den beſſeren Zeichnungen gebildete Kunſtausſtellung, welche in einem beſondern Saale für zahlreiche Beſucher aus der Stadt und Umgegend eine Zeit lang aufgeſtellt bleibt. Wer die Mannichfaltigkeit der antiken und modernen Gegenſtände, den freien und leichten Schwung in Darſtellung Homeriſcher Scenen, wie die ſtreng geregelte Verſchlungenheit architektoniſcher Formen und Ornamente, die Feinheit, Fülle und Friſche der Colorirung in vielen dieſer zahlreichen Werke überblickt, der muß von Achtung einer Kunſtwerkſtätte erfüllt werden, die ſolcher Productionen fähig iſt, wie ſie freilich in gymnaſialer Sphäre ſich nur da entwickeln laſſen, wo neben der Tüchtigkeit des lehrenden Meiſters, dem Reichthum an Mitteln, dem geeigneten Local und andern Vorbedingungen ihr auch die Schüler nicht entgehen, die in Talent, Neigung und künftigem Berufe eben ſo viele Mahnungen finden, ihren Eifer ſolchen Kunſtgebilden zuzuwenden.

Ueberhaupt hat das Gymnaſium in der letzten Hälfte des verfloſſenen Decenniums unter ſeiner jetzigen Direction und der oberen Leitung der jetzigen Oberſtudienbehörde einen erfreulichen Aufſchwung genommen, nicht bloß als Hauptpflanzſtätte für die katholiſche Geiſtlichkeit des Großherzogthums(unter den 307 Schülern, welche jetzt die Anſtalt zählt, befinden ſich 70 bis 80, die für den geiſtlichen Stand herangezogen werden),