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Schneeglöckchen, das lang in der Erde ſich barg, Es hebt ſich neu aus dem kalten Sarg,
Es läutet ſo lieblich den Frühling ein;
Es ſchmückt ſich der Wald, es grünt der Rain.
Friſch regt es ſich auch in der Menſchenbruſt, Wir baden die Glieder in Maienluſt,
Wir ſtürmen dahin in Sprung und Schwung: O bliebe der Frühling doch ewig jung!
Mainz, den 13. Auguſt 1855. In den prachtvollen, von der Elite des Publicums dicht erfüllten Räumen des in dem vormaligen kurfürſtlichen Schloſſe befindlichen Feſt⸗ ſaales, welcher von der ſtädtiſchen Behörde dazu immer bereitwilligſt eingeräumt wird, wurde heute von 10 bis 1 Uhr der Redeactus und die Preisvertheilung des großherzogl. Gymnaſiums hierſelbſt gehalten. Der geſammte Clerus, den hoch⸗ würdigſten Herrn Biſchof an der Spiße, die Mitglieder des Ordinariats, die geiſtlichen Profeſſoren, ſämmtliche Stadt- und viele L flandpfarrer, das Obergericht, das Bezirksgericht, die Friedensgerichte, durch Präſidenten, Räthe und Staatsprocurator vertreten, Gemeinde— räthe mit dem Bürgermeiſter, Männer des ärztlichen Berufes, Notabilitäten des Kauf⸗ manns⸗ und Gewerbſtandes, die Eltern der Schüler, mehr als tauſend Menſchen jedes Alters und Geſchlechts aus den mittleren und höheren Ständen hatten ſich dazu ein⸗ gefunden; der Generallieutenant und Vicegouverneur v. Thümen hatte ſeine Abweſenheit mit einer zu ſeinem aufrichtigen Bedauern unaufſchiebbaren Geſchäftsreiſe ſchriftlich entſchuldigen laſſen. Die großartige Geſtaltung einer ſolchen Verſammlung in einem ſolchen Local bezeugt nicht bloß, daß das Mainzer Gymnaſium eines achtſamen und dankbaren Publicums ſich erfreut, ſie iſt auch dazu geeignet, in den Gemüthern der Jugend, namentlich der zu höheren Studien und mannichfaltigen Berufsarten austreten— den Schüler tiefe und für Leben und Geſinnung heilſame Eindrücke und Erinnerungen zu hinterlaſſen, ſie über die Blaſirtheit des modernen Alltags- und Conventlebens zu erheben. Die bloße Pracht thut es freilich nicht; aber die Beziehung, welche zwiſchen jenen Aeußerlichkeiten zahlreichen Beſuches, maleriſcher Gruppirung, würdevoller Decoration und einer alle dieſe Momente beſchaffenden und beherrſchenden collegialiſchen Zuſammen⸗ wirkung aller Gymnaſiallehrer ſtattfindet zu der Geſammterfaſſung des Gemüthslebens der Jugend iſt doch auch Etwas, das ſich durch kein Surrogat erſetzen läſſt, und man muß dem Gynnnaſium Glück wünſchen zu Verhältniſſen, welche die Ausſtattung eines Schulfeſtes ermöglichen, wie ſie weit und breit ihres gleichen nicht finden mochte. Aber es fehlte auch an der Hauptſache nicht, an der hneran Gediegenheit. Herr Gymnaſial— lehrer Becker redete in einleitendem Vortrage von der Miſſion der gelehrten Schulen, und wie ſich dieſelbe bewährt habe nicht bloß, ſeitdem dieſe Anſtalten aus den Klöſtern in die Welt getreten ſeien, ſondern ſchon während des vielhundertjährigen Zeitraums ihrer klöſterlichen und kirchlichen Exiſtenz, wie ſie alle modernen Culturvölker aus der Barbarei zur Humanität geführt habe, und wie auf ihrem Boden noch jetzt der wahrhaft große Staatsmann ſtehe, der Rechtsgelehrte, der Prieſter, der Lehrer und Erzieher, der Arzt, der Philoſoph, der Dichter, Redner und Geſchichtſchreiber, der Bildhauer und Maler, der Träger höherer Geſchäftsarten überhaupt, ja die ganze nationale Bildung auf allen Gebieten ihres Schaffens und Wirkens. Den Schluß bildete eine Aufforderung an die Abiturienten, die Hand der nimmermehr irreführenden Seelenfreundin, der Religion, nie zu verlaſſen, immer voll Ehrfurcht und loyaler Geſinnung gegen den Staat und ſein innig geliebtes Oberhaupt zu verbleiben, denn dadurch charakteriſire ſich die wahre Wiſſenſchaft, daß ſie ſtets chriſtlich religiös, ſtets loyal verbleibe. Unter den Vorträgen der Schüler weckte der erſte, mit feuriger Begeiſterung vorgetragen, ſym⸗


