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beſuchten Claſſen zwei oder ſelbſt drei Claſſen combinirt werden können. In Bezug auf die Lehrer weichen wir von Spieß ab, inſofern wir das Vorturnerſyſtem nur bei den Ordnungs⸗ und einem Theil der Freiübungen als unzuläſſig erkennen, dagegen beim Springen, Ringen und ähnlichen, ſowie bei den meiſten Geräthübungen für unbedenklich und in Rückſicht darauf, daß es dabei leichter iſi, viele Schüler in Thätigkeit zu erhalten, für zweckmäßig halten. Die Forderungen, welche Spieß an die Lehrer ſtellt, werden, ſo viel wir wiſſen, auch durch die in Württemberg gemachten Erfahrungen gerechtfertigt; aber für jetzt freilich wird die Sache gerade wegen dieſer Forderungen nicht überall ausführbar ſein. Doch glauben wir andrerſeits nicht, daß nur Spieß ſelbſt nach Spieß'ſchen Grundſätzen turnen laſſen kann, mit andern Worten, daß ein ungewöhnlich begabter Mann dazu erforderlich iſt. In Darmſtadt ſahen wir mehrere Lehrer die Sache geſchickt handhaben. Jeder Lehrer, der in ſeiner Jugend geturnt, oder der beim Turnen länger zugeſehen hat und nicht beſonders körperlich ungeſchickt iſt, kann ſich in die Sache hineinarbeiten und zwar, wenn ihm einige Anſchauung geboten wird, auch in die beſondere Art der Spieß'ſchen Ordnungsübungen; nur muß er, wie dies freilich bei jedem andern Fach ebenſo nothwendig iſt, Luſt und Liebe dazu mitbringen. Für jüngere Schüler wird auch ein Turnlehrer, wie wir ſie zu haben pflegen, eher ausreichen.
Zum Schluſſe legen wir uns die Frage vor, welches Verfahren wir nun einzu— halten vorſchlagen würden? Man laſſe mit der nach den obigen Andeutungen modifierten Spieß'ſchen Methode Verſuche bei uns anſtellen, beziehungsweiſe die begonnenen fortſetzen. Sind die Ergebniſſe befriedigend, ſo ſchreite man zur allgemeinen Einführung in dem— ſelben Verhältniſſe, wie die Perſonen und die Umſtände es möglich machen, d. h. wie man geeignete Lehrer und die erfordlichen Räumlichkeiten für die einzelnen Anſtalten gewinnt; man verſchaffe den Lehrern eine Anſchauung des Eigenthümlichen, namentlich der Spieß'ſchen Ordnungsübungen, und muntere ſie auf, indem man für diejenigen, welche Eifer und Geſchick in Leitung des Turnens beweiſen, beſondere Belohnungen ausſetzt. Hat der Staat ein Intereſſe dabei, daß das Turnen recht betrieben und geleitet werde, ſo muß er ſein Intereſſe auf dieſelbe Art bethätigen, wie bei andern Dingen, die er gefördert ſehen will.
Wir glauben, daß das modificrte Spieß'ſche Syſtem geeignet iſt, die Leibesübungen auf die Daner zu einem ſolchen Factor unſerer Schulerziehung zu machen, der die Erhaltung guter Zucht und Sitte unter der Jugend nicht hindert, ſondern fördert, und daß es deßhalb werth iſt, in unſere Schulen verpflanzt zu werden.(Correſpondenzblatt für die gelehrten und Realſchulen Württembergs 1855, Nr. 7 und 8).
Für das Turnweſen erſcheint eine eigne Zeitſchrift: Neue Jahrbücher für die Turnkunſt, in Gemeinſchaft mit Friedrich in Dresden, Schreber in Leipzig, Spieß in Darmſtadt, Waßmannsdorf in Heidelberg, herausgegeben von Kloß, Director der königlichen Turnlehranſtalt zu Dresden 1855. Das erſte Heft des erſten Bandes enthält eine Abhandlung von Spieß: die Turnkunſt und die Schule.
Turnreigen.
Der Frühling kehrt wieder in goldener Pracht, Die Sonne da draußen ſo wunderlieb lacht, Ein lieblicher Knabe gar feiner Art,
Kommt leiſ' er gegangen ſo mild und zart.
Er löſt mit der warmen Roſenhand Der Erde längſt erſtarrtes Gewand,
Er küſſt ſie mit leiſem Windesweh'n, Und tauſend Blumen auf's Neu erſteh'n.


