Schüler zum Vorturner. Dieſer iſt der nächſte Lehrer und übt in Lancaſter'ſcher Weiſe ein; der Turnlehrer leitet das Ganze, geht von Riege zu Riege, hilft nach, ſchlichtet Streitigkeiten, rügt und ſtraft. Dieſes Vorturnerſyſtem iſt, wenn alle Schüler einer größern Anſtalt zugleich auf dem Turnplatze ſind, allerdings unentbehrlich, wie es denn ohne Zweifel die Nothwendigkeit war, welche von Anfang an zu demſelben führte. Spieß iſt gegen das Vorturnerſyſtem und hat es aus ſeiner gegenwärtigen Praxis ganz ver⸗ bannt. Der Lehrer ſoll den Unterricht geben, nicht Schüler, und damit er dies thun und die Schüler alle überſehen und beherrſchen könne, dürfen es nicht mehr ſein, als ſo viele in Einer Claſſe zu ſein pflegen; die Uebungen aber ſollen ſo gewählt werden, daß das Wort des einen Lehrers unmittelbar die ganze Claſſe in Bewegung ſetzt. Das kann bei den Frei⸗ und Ordnungsübungen geſchehen, ferner bei ſolchen Geräthen, an welchen die Hälfte, der 3., der 4. Theil einer Claſſe zugleich beſchäftigt werden kann, während die übrigen zuſehen und von der Anſtrengung ausruhen, alſo bei den Hang⸗ leitern, beim Stangengerüſte. Auch ein einziger Schwingel, ein einziger Gerkopf kann für eine ziemliche Anzahl ausreichen, wenn die Uebungen lebhaft betrieben werden. Spieß ſinnt eigentlich darauf, die Uebungen möglichſt zu Gemeinübungen zu machen(Turnb. I., 16 f., II., 501). Vom Lehrer ſelbſt aber verlangt er, er ſolle ein pädagogiſch gebildeter Mann ſein, anf den die Schüler nicht im Bewuſſtſein einer höhern Bildung herabſehen können, der ihnen auch ſonſt als Lehrer gegenüberſteht. Durch eine niedere Bildungsſtufe und Mangel an pädagogiſcher Befähigung bei den Lehrern dürfe man die gute Sache des Turnens nicht bei Schülern und Lehrern in Mißcredit bringen und der Gefahr des Scheiterns ausſetzen. Auch mancher ältere Mann habe ſchon die Schwierigkeiten, ſich in die Sache hineinzuarbeiten, überwunden, und von den jüngern Lehrern könne man das ohne Weiteres erwarten; an jeder größeren Anſtalt werden ſich wenigſtens ein paar Lehrer ſinden, welche ſich die erforderlichen Kenntniſſe und Fertigkeiten erwerben; aller⸗ dings aber gehöre zur rechten Betreibung dieſes Unterrichts eine wiſſenſchaftliche Erkenntniß des Gegenſtaudes, wie ſie z. B. die 4 Theile ſeiner Turnlehre vermitteln.
Das ungefähr iſt nach unſerer Anſicht das Weſentliche des Spieß'ſchen Syſtems, wobei wir zugeben, daß Spieß ſelbſt vielleicht Einiges, was wir als unweſentlich und lostrennbar bezeichnet oder weggelaſſen, ſich nicht würde nehmen laſſen.
Es liegt im Bisherigen, was wir davon als gut und nachahmenswerth anſehen. Wir ſind mit Spieß und Anderen einverſtanden, daß die Reck⸗ und Barrenübungen ſehr zu beſchränken, und die Freiübungen weit mehr hervorzuheben ſind; wir halten die Verbindungen derſelben mit Geſang für ſehr förderlich und erwünſcht; iſt ein Lehrer muſikaliſch nicht begabt, ſo iſt dies freilich ein Mangel, doch wird er ſich gewöhnlich durch geübte Sänger unter den Schülern erſetzen laſſen. Spieß beruft ſich(Turnb. II., 8) auf Beiſpiele von Lehrern, die noch in reiferen Jahren den Mangel an muſikaliſcher Bildung ergänzt haben. Diejenigen Uebungen, welche Sicherheit und Anſtand des Gangs in den Bewegungen überhaupt bezwecken, ſind für unſere ſchwäbiſchen Knaben und Jüng⸗ linge beſonders zu empfehlen, aber nicht ſoweit fortzuführen, bis ſie tanzartig werden. Bei den älteſten Claſſen hat man ſich deßhalb darauf zu beſchränken, die früher gelernten Elemente von Zeit zu Zeit wieder zu üben, und dagegen diejenigen zu betonen, zu welchen Kraftentwicklung gehört.
Von der Spieß'ſchen Betriebsweiſe halten wir für entſchieden gut die(auch bei uns ſchon lang empfohlene) Sicherung der ununterbrochenen Fortſetzung der Uebungen durch einen heizbaren Saal, in welchem ein Spieß'ſches Stangengerüſt, Doppelhangleiter und Schwingel nicht fehlen ſollten.
Ebenſo halten wir die Spieß'ſchen Grundſätze über die Zeit der Turnſtunden für richtig. Die Zahl der für eine größere Anſtalt angeſetzten Turnſtunden muß vermehrt werden, wenn die Schüler claſſenweiſe turnen; übrigens werden bei weniger ſtark
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