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glichen; aber das Turnen nach der alten Weiſe muß im Winter und bei Unwetter ent— weder ebenfalls in einem bedeckten Local vorgenommen werden, oder unterbleiben. Aber ſoll das Local auch heizbar ſein? Soll der Turner nicht abgehärtet und an Ertragung von Froſt gewöhnt werden? Das ſoll er allerdings, nur iſt es nicht nothwendig, daß auch dieſes gerade während der Turnſtunde geſchehe, in welcher er zunächſt die Kraft und Gewandtheit ſeines Körpers und die Fähigkeit deſſelben, Anſtrengungen zu ertragen, üben ſoll. Dagegen könnte es leicht geſchehen, daß der unvermeidliche Wechſel von An— ſtrengung und Ruhe für die Schüler und das Verweilen in einem kalten Naume für den Lehrer, der ſeiner Geſundheit vielleicht nicht viel zumuthen darf, nachtheilige Erkäl— tungen herbeiführte. Manche Eltern würden ihre Kiuder dem Turnen in einem kalten Local zur Winterszeit entziehen, und bei der Jugend würde die Luſt am Turnen dadurch denn doch auch vermindert.
Doch nicht nur die Fortſetzung der Uebungen während des ganzen Schuljahrs, ſondern auch die paſſende Wahl der Tageszeit für dieſelben gehört nach Spieß zum Schulturnen. Wenn man es in die Abendſtunden verlegt, ſo erſcheint die Turnſtunde als eine Unterbrechung der dem Schüler zu ſeiner Verfügung gelaſſenen, ſei es zur häus⸗ lichen Arbeit, ſei es zur Erholung beſtimmten Zeit; dieſe findet er beſonders dann auf eine unangenehme Weiſe geſchmälert, wenn der Turnunterricht auf die ſchulfreien Nach⸗ mittage(Mittwoch und Samſtag) verlegt wird. Spieß will, daß die Turnſtunden(min⸗ deſtens 2— 3 wöchentlich, Turnbuch II, 14) entweder zwiſchen die Unterrichsſtunden oder wenigſtens unmittelbar an das Ende der Vor⸗ oder Nachmittagsſchulſtunden(I. 9) gelegt werden, damit die Schüler und die Eltern die Turnſtunde wie jede andere Schul— ſtunde betrachten lernen. Wenn die Schüler die Vor- und Nachniteagsſchule beſucht haben, ſo ſollen ſie den Reſt des Tages nach Belieben eintheilen können; es iſt nicht angenehm, wenn ſie noch einmal wie zum Schulunterricht aufbrechen müſſen; und ſie werden ſchon deßhalb einen ſich darbietenden Dispenſationsgrund eher hervorſuchen und weniger beſeitigen, als wenn die Turnſtunde ſich unmittelbar an die übrige Schulzeit anſchließt. Die ſchulfreien Nachmittage aber ſollen den Eltern zur Dispoſition über ihre Kinder, jugendfreundlichen Lehrern auch zu Spaziergängen und Spielen mit den Schülern überlaſſen werden; ſchöne Spiele lehrt Spieß auch in der Turnſtunde, welche dann in den Erholungszeiten getrieben werden können, und legt einen großen Werth auf dieſe Anleitung in Uebereinſtimmung mit ſeinen Anſichten über Jugendbildung überhaupt (Turnb. I., 6. 7. 15. II., 501).
In Darmſtadt widmen ſich mehrere Lehrer ihren Claſſen zuweilen auch in den Erholungszeiten, wie auch Spieß ſelbſt auf Bitten einer Anzahl Schüler an mehreren Abenden nicht ſchulmäßig, ſondern in freier Form mit dieſen turnt.
Schulmäßiger wird das Turnen in Darmſtadt ferner dadurch, daß auf dem Raum zum Turnen nicht zu gleicher Zeit Schüler verſchiedenen Alters verſammelt ſind, ſondern je nur eine Claſſe Turnſtunde hat. Schüler, die nach Alter und Kenntniß zuſammen gehören und ohnehin in einer Art Lebensgemeinſchaft ſtehen, ſollen auch beim Turnen beiſammen ſein(Turnb. I., 15); man wird auch an ihre körperliche Kraft und Tüchtigkeit ungefähr die gleichen Anforderungen machen können; das im Turnen liegende Correctiv gegen die Ueberſchätzung geiſtiger Vorzüge einzelner Schüler hat dann am meiſten Werth, wenn Schüler derſelben Claſſe ſich in körperlichen Leiſtungen meſſen. Es iſt dabei die gewöhnliche Frequenz der Schülerclaſſen in Gymnaſien und Realſchulen vorausgeſetzt; eine Zahl von 65 Schülern wäre zu groß. Die Folge dieſes Grundſatzes iſt allerdings, daß man bei größeren Anſtalten mehr Turnſtunden, alſo mehr Lehrkraft und Aufwand für dieſen Zweck braucht.— Endlich ſoll das Spieß'ſche Turnen ſchulmäßiger, als die ältere Methode ſein, auch in Bezug auf die Lehrer. Bei dem bisherigen Turnen iſt die Schaar in kleine Abtheilungen, Riegen, eingetheilt und jede derſelben hat einen


