Aufsatz 
De Bacchiadis Corinthiorum / scripsit Carolus Wagner
Entstehung
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daß dieſer Theil der Uebungen regelmäßig nicht im Freien auf Sand- oder Grasboden, ſondern am beſten auf gedieltem Boden, alſo in einem Saale vorgenommen werden, damit jeder Tritt hörbar ſei. Erwächſt hieraus die Nothwendigkeit, einen Saal zum Turnen zu haben, alſo ein Koſtenaufwand, der die Sache an manchen Orten erſchwert, ſo iſt andrerſeits der Beſitz eines Turnſaals eine Bedingung, ohne welche das Winter⸗ turnen ſich nirgends auf die Dauer halten wird.

Die Freiübungen werden, wie ſchon im Bisherigen liegt, als Gemeinübungen behandelt, d. h. alle Turner machen gleichzeitig dieſelbe Uebung, worin eben für den Einzelnen eine große belebende, den Willen treibende Kraft liegt(cf. Turnbuch I., 4 ff.).

Bei den Ordnungsübungen gliedert ſich die Maſſe; die Bewegung der Einzelnen und der Glieder, die Stellung des Einzelnen zum Glied und der Glieder zum Ganzen wird durch das Befehlswort des Lehrers beſtimmt und manchfach verändert; jeder muß ſich dabei ſeines Verhältniſſes zum Ganzen allezeit bewuſſt bleiben und wird, wenn er fehlt, durch die Folgen, welche ſein Fehler für das Ganze hat, unmittelbar zurechtgewieſen. Der Einzelne lernt dabei einſehen, welche Bedeutung er als Glied für die Geſammtheit und zugleich, wie er nur in der Geſammtheit als dem einigenden Bande Bedeutung hat. Das lehrt ſowohl aufmerken als auch ſich unterordnen. Es liegt hierin ein beachtens werthes Gegengewicht gegen die Gewöhnungen des Bücherlebens. Der Büchermenſch wird durch die beſtändige Beſchäftigung mit der Gedankenwelt, mit den ſprachlichen Formen der Dinge ſtatt mit den Dingen ſelbſt, mit Vorſtellungen und Begriffen ſtatt mit Anſchauungen, von der ihn umgebenden realen Welt abgezogen, das Senſorium für dieſe wird allmählig abgeſtumpft, das Bewuſſtſein und die Beherrſchung der eigenen körperlichen Fähigkeiten wird mit den Jahren gemindert ſtatt gemehrt. Es würde noch weit mehr Exemplare ſolcher vertrockneten Menſchen geben, wenn nicht die geſunde Natur beſonders in der Jugend gegen den Zwang reagirte und die Feſſeln ſprengte. Dieſer geſunden Natur kommt das Turnen zu Hilfe, und die Spieß'ſchen Ordnungsübungen eignen ſich vorzüglich dazu, die Aufmerkſamkeit aus dem Reich des Denkens zu den realen Dingen zurückzurufen, an die er ſonſt nicht gedacht, zu den Bewegungen ſeines Körpers und deſſen ſchlummernden Kräften. Wenn der junge Gelehrte linksum anſtatt rechtsum macht, ſo wird er ausgelacht und merkt das nächſtemal beſſer auf, und wenn unter ſeiner Mitwirkung eine Umſetzung der Glieder ſchön zu Stande kommt, ſo erregt dies auch in ihm ein ſinnliches Wohlgefallen, allein da die Thätigkeit des Geiſtes dabei nicht auf Abſtractes, ſondern auf das Concreteſte gerichtet, und die Wachſamkeit der Sinne hauptſächlich in Anſpruch genommen iſt, ſo wirkt dieſe Anſpannung vielmehr belebend und ergänzend, als lähmend für den übrigen Unterricht.

Ebenſo nnterſcheidend wie der Stoff der Uebungen iſt für das Spieß'ſche Syſtem die Betriebsweiſe..

Spieß hat das als Ganzes durchgeführt, was man an manchen Orten erſtrebt, uach ſeinen einzelnen Beſtandtheilen auch hier und da verwirklicht hat: er hat aus dem Turnen der Schüler ein Schulturnen gemacht, er hat es, was Ort und Zeit, Schüler und Lehrer betrifft, ſchulmäßig behandeln gelehrt.

Ein Unterrichsgegenſtand, der nur einige Monate im Jahr betrieben wird, gibt keinen vollen Beitrag zum Schulleben, macht keinen integrirenden Theil deſſelben aus; ſo lange nicht auch im Winter und bei ungünſtiger Witterung geturnt werden kann und geturnt wird, fehlt es an der Continuität der Uebungen, ohne welche kein gedeihlicher Fortſchritt möglich iſt.

Spieß verlangt einen heizbaren Saal, in welchem eine Anzahl der wichtigſten Uebungen vorgenommen wird, und wo ein ſolcher vorhanden iſt, da iſt eine Hauptbe⸗ dingung einer ſchulmäßigen Betreibung des Turnens erfüllt. Man hat ihn gerade von dieſer Seite aus angegriffen und ſein Turnen mit einer kränklichen Zimmerpflanze ver⸗

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