Aufsatz 
De Bacchiadis Corinthiorum / scripsit Carolus Wagner
Entstehung
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maßen in Bewegung geſetzt, ihre Kraft und Gewandtheit wird geſteigert, und der Körper in den verſchiedenen Arten zu gehen, zu laufen, ſich zu drehen u. ſ. w. geübt. Da bei den Geräthübungen weit mehr nur die Arme beſchäftigt werden, ſo ſollten andere Ueb⸗ ungen nicht fehlen, als deren Ziel freiere Beherrſchung der Füße und insbeſondere mehr Sicherheit und Anſtand des Gangs erſcheint. Bet den gymnaſtiſchen Uebungen der alten Griechen war dieß ein Hauptaugenmerk, Springen und Laufeu gehörten zum nνται2ωά. Die Vernachläſſigung der genannten Uebungen trug weſentlich dazu bei, daß man die Turner der alten Schule als tölpiſch und täppiſch carrikiren konnte; viele der ſelben hatten es zu ſehr verſäumt,den Grazien zu opfern. Man läſſt ſonſt junge Leute, welche ſich anſtändig bewegen lernen ſollen, im Tanzen unterrichten, und wenn nicht manche Aeltern zum Tanzmeiſter in pädagogiſcher Beziehung geringes Vertrauen hätten, und Anderes, was ſich an den Tanzunterricht gern knüpft, vermeiden wollten, ſo würde das wohl noch weit allgemeiner ſein, da der Tanz ein natürlicher Ausdruck der Fröhlichkeit, und Anſtand, ja bei dem weiblichen Geſchlecht Anmuth der Bewegungen etwas iſt, was Alle erſtreben dürfen. Die Verbindung des Turnens mit dem Tanze ſtellt ſich ſchon in den Waffentänzen der Jünglinge bei den Griechen und bei den alten Deutſchen dar. Spieß hat ſeine Freiübungen ſo ausgebildet, daß, wer ihm folgt, für die genannten Zwecke den Tanzmeiſter entbehrlich macht. Er lehrt ſeine Schüler auch künſtlichere Schritte und Bewegungen und läſſt ſie dieſelben in Maſſen und mit mannich faltigen Veränderungen und Verbindungen ausführen, d. h. er lehrt ſie Reigen, die Mädchen ſogar zuweilen Tänze. Er hält es geradezu für eine Aufgabe des Turn unterrichts, auch dieſen Zweig der Leibesübungen, das Tanzen, erzieheriſch zu handhaben und rein zu halten, damit er nicht ungeweihteren Händen anvertraut bleibe(Lehre der Turnkunſt III., 8). Im Turnbuch(II., 341 402) ſind mehr als 40 verſchiedene Reigen beſchrieben. Man mag dieſes für jetzt als einen üppigen Auswuchs betrachten und Bedenken tragen, Spieß in dieſer Richtung zu folgen. Aber zweierlei wird man zu Gunſten dieſer Freiübungen geltend machen dürfen: 1) Uebungen, welche einen natur⸗ gemäßen Anſtand in Gang und Haltung bezwecken, ſind nichts Ueberflüſſiges; denn wenige Menſchen haben einen ſolchen Gang, und alle ſollten ihn haben; 2) ſie haben vor manchen Geräthübungen den Vorzug, daß ihre Ausführung von jedem Schüler gefordert werden kann, wenn auch nicht jeder ſie gleich vollkommen darſtellt, weßwegen ſie ſich eben zu Gemeinübungen beſonders eignen. Spieß legt einen großen Werth darauf, daß die Geſammtheit der Schüler in allmählichen Uebungsſtufen weiter geführt, nicht bloß ein Theil derſelben zu Ausführung von Kraft- und Kunſtſtücken gebracht werde(Turnbuch I., 4. 16. II., 500). Sehr anſprechend iſt ſodann die Verbindung, in welche er einen Theil der Frei⸗ und Ordnungsübungen mit Rhythmus und Geſang geſetzt hat. Wenn Maſſen ſich gleichmäßig bewegen ſollen, ſo muß dies nach dem Tact geſchehen, der die Bewegung an Geſetz und Maaß bindet und eine zwingende Gewalt, aber auch einen belebenden Einfluß auf ſie ausübt und daher auch die Unentſchiedenheit des Willens am Beſten überwinden hilft; der Tact aber ruft von ſelbſt melodiſche Tonreihen, Geſang als ſein eigenthümliches Element hervor. Spieß läſſt ſehr oft die Schüler während ihrer Marſchirübungen, Schwenkungen, Evolutionen ein Lied ſingen und zwar ſo, daß die rhythmiſchen und melodiſchen Abſätze des Lieds mit den Zeiten, in welchen die wechſelnden Bewegungen vor ſich gehen, in Uebereinſtimmung ſtehen. Auch dieſes hat Spieß ſehr kunſtreich ausgebildet, ſo daß der Inhalt einzelner Lieder wirklich mimiſch dargeſtellt wird, und es iſt vielleicht gut, daß er hierin gar erfin deriſch iſt und ſeinen Turnſaal zum Verſuchsfeld für ſolche Gedanken gebraucht; doch die Schüler geben ſich wohl nicht immer gern dazu her, und das Urtheil über ſein Syſtem wird dadurch, wo nicht irre geführt, doch erſchwert.

Die Verbindung der Bewegungen mit Rhythmus und Geſang hat aber zur Folge,