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hier und da mögen auch Einſeitigkeiten Stoff zu Angriffen gegeben haben; Mißgunſt wirkte vielleicht mit, mehr noch die Abneigung einzelner blaſirter junger Leute, die lieber die jungen Herrchen ſpielen, als turnen, die ſich in die ernſte Zucht nicht fügen wollten und dann falſche Vorſtellungen von der Sache im Publicum verbreiteten. Uebrigens hat Spieß das Vertrauen zu ſeiner Sache, ſie werde ſich ſelbſt rechtfertigen, und ſo weit unſere Beobachtungen reichen, hat er zu dieſer Hoffnung guten Grund. Sein Syſtem gewinnt immer mehr Boden, namentlich in den Städten am Mittelrhein, in Oldenburg, Sachſen und Oeſterreich*). In Darmſtadt ſelbſt turnen die jüngern Knaben und die Mädchen gern, die meiſten älteren desgleichen; unter den Jünglingen bemerkt man allerdings hier und da ein verdroſſenes Geſicht, wie bei jedem Unterrichtsfach und gewiß auch bei dem Jahn'ſchen Turnen, ſoweit die Theilnahme keine freiwillige iſt.
Es iſt Zeit, daß wir zur Schilderung der Eigenthümlichkeit des Spieß'ſchen Syſtems übergehen. Wir werden dabei zuerſt den Stoff der Uebungen in's Auge zu faſſen haben und dann die Betriebsweiſe.
Was den Stoff betrifft, ſo fehlen bei Spieß die Uebungen der alten Schule nicht, wie ſich ſowohl aus ſeiner Praxis als aus ſeinen Schriften ergibt. Er hat die beim Turnen bisher üblichen ſowie von ihm neu erfundenen Geräthe und die Uebungen an denſelben in ſeinen Schriften aufgeführt und beſchrieben und die erſteren auf ſeinen Turnplätzen aufgeſtellt und benützt. Namentlich iſt die von ihm erfundene, im zweiten Theil der Lehre von der Turnkunſt S. 30 ff. beſchriebene Hangleiter ein ſehr zweck⸗ mäßiges Geräthe, das er mit Vorliebe gebraucht, deßgleichen das Stangengerüſte(be⸗ ſchrieben Turnbuch I, 364 ff.). Man hat ihm nachgeſagt, er verwerfe die Uebungen an Reck und Barren, aber mit Unrecht. Kr hat ſie nur in Darmſtadt längere Zeit in den Hintergrund treten laſſen, weil der Turnplatz vor dem neuen Turnhauſe überhaupt jetzt erſt mit Geräthen verſehen wird, und weil ihm zunächſt andere Uebungen zweckmäßiger ſchienen. Allerdings aber beſchränkt er den Gebrauch des Recks aus Gründen, die wohl erwogen zu werden verdienen(vgl. Turnbuch I. 325 ff. II, 459 ff.), hauptſächlich weil die geeignetſten Reckübungen angemeſſener an anderen Geräthen dargeſtellt werden, die dem Reck eigenthümlichen Uebungen aber, die Umſchwünge und Wellen eine zu große Hilfeleiſtung bei den Einzelnen von Seiten des Lehrers erfordern, weßhalb ſie erſt bei geübteren Schülern als Gemeinübungen betrachtet werden können. Noch andere Gründe ſind in»Gutsmuth's Gymnaſtik, bearb. von Klumpp,“ geltend gemacht(S. 94. 233 ff.), welche dieſe Beſchränkung der Reckübungen als einen weſentlichen Vorzug des Spieß'ſchen Syſtems erſcheinen laſſen. Wenn die Turnplätze zur Befriedigung der Eitelkeit Einzelner mißbraucht und als Schauplatz von Gauklerkünſten verſchrieen worden ſind, ſo haben die Reck⸗ und Barren⸗Uebungen, wie ſie getrieben wurden, einen Haupttheil der Schuld. Unterſcheidend aber iſt für das Spieß'ſche Syſtem die Werthſchätzung und Ausbildung der Frei⸗ und Ordnungs-⸗Uebungen, d. h. derjenigen Uebungen, welche ohne Geräthe die Kräfte des Leibes an ſich während ſeiner gewöhnlichſten Zuſtände entwickeln, und derjenigen, welche von geordneten Mengen zugleich ausgeführt werden.
Zu den erſteren gehören: Stehen, Gehen, Laufen, Hüpfen, Springen, Drehen; die letzteren kann man als ein freier und manigfaltiger ausgebildetes Marſchiren und Exerciren bezeichnen. Die Freiübungen wurden ſchon vor Spieß unter dem Namen von Vorübungen betrieben, jedoch in beſchränkterer Weiſe. Seitdem ſein Buch„die Frei⸗ übungen“ erſchienen iſt, ſind dieſe Uebungen auf einzelnen Turnplätzen mehr in Auf⸗ nahme gekommen, und auch die Turner der alten Schule müſſen geſtehen, daß ſie hierin Schüler von Spieß ſind. Bei den Freiübungen werden überwiegend die unteren Glied⸗
*) Nach dem neueſten Programm des Gymnaſiums in Darmſtadt wurde es kürzlich auch von der preußiſchen Staatsregierung für die Seminare empfohlen.


