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einer adeligen Familie, kam 1833 von da als Lehrer in Geſchichte, Zeichnen, Singen und Turnen nach Burgdorf in der Schweiz, einige Jahre nachher als Turnlehrer nach Baſel, von wo er im Jahr 1848 als Aſſeſſor des Studienraths für die Angelegenheiten des Turnens mit dem Auftrag, das Turnen nach ſeinem Syſtem im Großherzogthum Heſſen einzuführen, den Lehrern Anleitung dazu zu geben und die Uebungen in der Hauptſtadt ſelbſt unmittelbar zu überwachen, nach Darmſtadt berufen wurde. Spieß iſt nicht ein Turnlehrer, wie ſie ſich in Süddeutſchland da und dort finden, die ihrem Beruf gewachſen zu ſein glauben, wenn ſie die ſchwierigeren Sprünge und Umſchwünge an Reck und Barren mit Sicherheit und mehr oder weniger Grazie auszuführen und den Schülern zu zeigen vermögen, vom Lehren und Erziehen dagegen und dem Verhält— niß des Turnens zum Ganzen des Unterrichts und der Erziehung keine Ahnung haben und in der Führung und Behandlung der Schüler die ſchlimmſten Mißgriffe machen; er iſt ein Mann von allgemeiner und von viſſeeſchaftlicher Bildung, dabei ein Lehrer und Erzieher von Beruf und Erfahrung, in welchem die Schüler, ſobald der Unterricht beginnt, ihren Meiſter erkennen, während er andrerſeits der Jugend von ſelbſt Vertrauen und Liebe einflößt. Er erwartet keine Wiedergeburt der Menſchheit von den Turnplätzen aus; er iſt, um von Anderem nichts zu ſagen, zu lange ſelbſt Lehrer auch in andern Unterrichtsfächern geweſen, als daß er verkennen könnte, wie ſich das Turnen dem Ganzen ein⸗ und unterordnen müſſe; aber er weiß, daß das Turnen, recht betrieben, einen ſchönen Beitrag dazu liefern kann, daß eine friſche und fröhliche Jugend herangezogen werde, die dabei beſcheiden ſei und willig, ſich in göttliche und menſchliche Ordnung zu fügen. Hierzu in ſeinem Theile mitzuwirken, hat er zu ſeiner Lebensaufgabe gemacht; von dieſer Idee iſt er erfüllt, für ſie arbeitet er mit aller Kraft ſeines nicht gewöhnlich begabten Geiſtes mit aller Energie ſeines Willens. Eine ſchriftſtelleriſche Thätigkeit iſt nicht ſein eigentlicher Beruf, ſein Talent iſt ein praktiſches; er folgt bei dem, was er ſchafft, einem faſt inſtinctmäßigen Drang und conſtruirt es erſt, wenn es daſteht, aus Begriffen. Er iſt nicht der Einzige, wohl auch nicht der Erſte geweſen, der einſah, daß das Turnen ein Theil' des Schulunterrichts werden müſſe; aber an dem Wie? ſind Viele geſcheitert. Eigenes Nachdenken und der anregende Verkehr mit tüchtigen Erziehern hat ihn von einem Schritt zum andern geführt, die Nothwendigkeit hat ihm den Ab⸗ theilungsunterricht aufgedrungen, ſein muſikaliſches Talent hat ihn die Wichtigkeit des Rhythmus auch auf dieſem Gebiet erkennen und den Geſang in eine innere Verbindung mit einem Theil des Turnens bringen gelehrt. So baute er allmählig ſein Syſtem aus, und wenn auch in den 4 Bänden ſeiner Lehre von der Turnkunſt(1840—46) die wiſſenſchaftliche Begründung und in den 2 Theilen ſeines Turnbuchs(1847—51) die Anleitung zur Praxis des Turnens vollſtändig gegeben zu ſein ſcheint, ſo iſt er doch weit davon entfernt, den Bau für vollendet zu halten, ſondern arbeitet ſelbſt in beſtän⸗ digem Sinnen daran fort und iſt empfänglich für Vorſchläge, welche Nachdenken und Erfahrung Anderen an die Hand geben.
Die Hinderniſſe, welche ſich ſeiner Wirkſamkeit in Darmſtadt entgegenſtellten, gelang es ihm allmählig zu überwinden, weil er klar wuſſte, was er wollte, und das recht wollte, was nöthig und gut war. Es fehlte anfangs an einem geeigneten Local: er gab den Unterricht in dem gemietheten Saale eines Wirthshauſes, bis das Turnhaus fertig war, welches nach ſeinen Angaben mit bedeutenden Koſten errichtet wurde. Es ſteht unmittelbar bei dem Gymnaſium und dem ſtattlichen Gebäude der Realſchule auf einem etwas erhöhten Platze vor dem Thore. Vor dem Turnhauſe iſt der theils mit zeiner niedrigen Mauer theils mit einem Staketenzaun umgebene, mit jungen Kaſtanien⸗ bäumen bepflanzte Turnplatz, welcher durch einen Weg von einer mit Bäumen beſetzten öffentlichen Anlage getrennt iſt.
Auch an Gegnern fehlte es nicht, die ihm und ſeiner Sache entgegenarbeiteten;


