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verknüpft hat. Sie ſollten endlich auch über das irdiſche Leben hinausgeführt und zu ihrer himmliſchen Beſtimmung hinübergeleitet werden; ſie ſollten ſchon frühe lernen, die Genüſſe des Lebens, nach denen zumeiſt die menſchliche Glückſeligkeit bemeſſen wird, gering zu achten, und vor Allem nach der himmliſchen Weisheit zu ſtreben und in ihrem Beſitze ſich glücklich zu fühlen*).
Wir rühmen uns nicht, dieſes hohe Ziel völlig erreicht zu haben; aber das Zeugniß dürfen wir uns ertheilen, daß wir ihm Jahre lang Fleiß und Treue gewidmet haben, daß wir bemüht geweſen ſind, Erfahrung und Einſicht zum Beſten unſerer Schüler zu verwenden, nicht bloß um ſie äußerlich geſchickt zu machen, ſondern auch um innere Ge⸗ diegenheit und Trefflichkeit als Ausſtattung auf ihren ferneren Lebensweg ihnen mitzu⸗ geben, aus dem tieferen Schachte der Wiſſenſchaft und Kunſt ihnen eine Lebensquelle zuzuleiten, die lauter und rein in Allem, was aus ihr geſchöpft wird, ihnen nimmer ver⸗ ſiegen ſollte. Aber auch dieſen unſern Schülern darf ich das Zeugniß ertheilen, daß ſie manchen erfreulichen Fortgang im Guten haben wahrnehmen laſſen, der ſich vielfältig bewährt hat in wohlüberlegten Reden und Schriften, in wohlgeſittetem Verhalten, in wohlgeordneter Lebensführung; daß ſie uns möglich gemacht haben, unſer Amt an ihnen zu verrichten mit Freuden und nicht mit Seufzen, alſo, daß wir den Vätern, die einſt uns ihre Söhne übergaben, ſagen können: ſehet, da ſind ſie, wir haben keinen von ihnen verloren! Jetzt alſo, m. g. Sch., iſt der Zeitpunkt gekommen, wo wir die Erfahrung machen können, daß wir nicht umſonſt ſo lange Euch Arbeit und Sorgfalt gewidmet haben, wo Ihr beweiſen könnet, daß Ihr das Empfangene bewahret in einem feinen und guten Herzen; denn das iſt keine Bildung, die Alles wieder von ſich abſchüttelt, ſobald der Aufſeher den Rücken gewendet hat, die die erlangte Freiheit nur dazu benutzt, um das gewonnene Gut an der Klippe ſchlimmer Neigungen ſcheitern zu laſſen. Darum wird ein ernſter Vorſatz Euch geziemen auf dieſem Scheidepunkte Eures Lebens, auf daß der innere Trieb frei werde, der kein Zerwürfniß duldet des intellectuellen und moraliſchen Menſchen, der Glauben und Wiſſen und Handeln in jener Dreieinigkeit feſthält, die das Kleine adelt und das Große verherrlicht, deren alleinige Führung am ſicherſten zu einem würdigen und glücklichen Lebensziele geleitet.
Mitten unter politiſchen und kirchlichen Umwälzungen, die ſeit 10 Jahren bald zum öffentlichen Ausbruch kamen, bald in der Stille bedenklichen Anſtoß und ſchlimme Befürchtung erregten, hat unſer Gymnaſium, von Ludwig dem Getreuen geſtiftet, ſich treu und unwandelbar erwieſen, iſt ohne Beiſpiel des Abfalls von Staat und Kirche geblieben. Im Sinn und Gefühle dieſer Treue, lebend und webend in ihrem Elemente, ziehet denn hin, von unſern beſten Wünſchen geleitet, auf daß in ihr Eure Zukunft ſich ver⸗ kläre zu Nutz und Frommen des Ganzen, zu Freud und Frieden Eurer ſelbſt und Aller, die Euch angehören und Euch wohlwollen. Und ſo lebe denn wohl, meine geliebte Jugend, und vernimm meinen Abſchiedsgruß mit den Worten des alten Sängers:
„Heil Dir und Freude die Füll' und beſtändiger Segen der Gottheit.“
Es iſt kein leerer ſchmeichelnder Wahn, Erzeugt im Gehirne des Thoren,
Im Herzen kündet es lant ſich an: Zu was Beſſerem find wir geboren. Und was die innere Stimme ſpricht, Das täuſcht die hoffende Seele nicht!
Ja, dir ſei gedankt, o Hoffnung, ſtarke Tröſterin des ſchwachen menſchlichen Ge⸗ ſchlechtes; dir ſei gedankt in allen Wechſelfällen des Lebens, und dir auch danke ich,
*) Cf. Stallbaum de animis adolescentium ad veritatis amorem conformandis. Lipsiae 1854.


