Aufsatz 
De Bacchiadis Corinthiorum / scripsit Carolus Wagner
Entstehung
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worden eine Rede des Cineas für den Frieden im römiſchen Senat. Die Verf. der beiden beſten hierüber gelieferten Arbeiten haben das Thema richtig aufgefaſſt, das Hiſtoriſche mit Fleiß und Gründlichkeit ſtudirt, die Verhältniſſe gewürdigt und in der Argumentation keinen wichtigeren Punkt überſehen. Der eine, im Tone der belehrenden Abhandlung redend, hat mehr verſtandesmäßige Ueberlegung und Ueberzeugung bewirkt; die Rede des andern iſt friſcher, klarer, wärmer, beſſer gegliedert und würde in Wirk⸗ lichkeit mehr Eindruck gemacht, mehr Erfolg gehabt haben, aber ſie iſt nicht frei von Verſtößen gegen die Correctheit der Latinität. Alles zuſammengenommen ſchien es rath⸗ ſam, den Preis unter beide zu theilen; ihre Namen ſind Friedrich Lauteſchläger und Theodor Maurer.

6) Lobrede auf Kepler.Mit unſerer ganzen Erdenweisheit, ſagt einer unſerer erſten Naturforſcher*), können wir auf dem Neptun, auf der Sonne nichts beginnen, aber Kepler's Geſetze gelten auch dort, und mit der Lehre von den Kegelſchnitten be⸗ herrſchen wir die Mechanik des Jupiter ſo gut wie die der Erde. Ein kurzes, aber inhaltſchweres Wort, ein Orakel, das ſelbſt der gebildete Geiſt nicht ohne Weiteres zu erfaſſen vermag, ein Myſterium, was der Auslegung bedarf, um in ſein Verſtändniß eingeweiht zu werden. Wie vermag die Lehre von den Kegelſchnitten Himmel und Erde zu beherrſchen? Das war die Frage, auf welche hier eine zwar wiſſenſchaftlich durch⸗ geführte, aber doch dem gebildeten Laien verſtändliche Antwort ertheilt werden ſollte. Geſtehen wir offen, daß in zwei eingelieferten Arbeiten dieſe Antwort nicht genügend ertheilt worden iſt, und wer es nicht ſchon weiß, was die Kegelſchnitte auf dem Jupiter zu ſchaffen haben, der würde weder aus der einen noch aus der anderen dieſer Arbeiten es zu erfahren vermögen. Dazu wird mehr erfordert, als eine geſchichtliche Erwähnung der Kepler'ſchen Geſetze, oder ihre Stellvertretung durch eine Reihe bewundernder Fragen. Wohl hätte Kepler, ein zweiter Prometheus, mit dem alten Dichter**) von ſich ſagen können:

Die Menſchen, Träumer ſonſt und ſtumpfen Sinns, Des Geiſtes mächtig und bewuſſt ich werden ließ. Denn ſonſt mit offnen Augen ſahn ſie nicht, und ähnlich eines Traums Geſtalten miſchten und verwirrten fort und fort

Sie Alles blindlings, kannten nicht das ſonnige Sternüberdeckte Haus und nicht des Zimmrers Kunſt. Sie wohnten tief vergraben gleich den winzigen Ameiſen in der Höhlen ſonneloſem Raum

Hienieden ſonder Einſicht, bis ich ihnen deutete

Der Sterne Aufgang und verhüllten Niedergang, Die Zahlen, aller Wiſſenſchaften trefflichſte.

Aber um die volle Wahrheit dieſes Wortes zu erhärten, muſſte gezeigt werden, wie weit Kepler den das Himmelsgewölbe umhüllenden Schleier der Iſis gelüftet, muſſte in einem Geſammtbilde dargeſtellt werden, was die durch Kepler geſchärften Blicke der Menſchen ſeitdem hier geſchaut haben und noch ſchauen bis auf den heutigen Tag. War aber dieſes Ziel vielleicht zu hoch und zu fern geſteckt, ſo wollen wir um ſo lieber da⸗ mit zufrieden ſein, daß unſere Preisſchützen wenigſtens das ihm nahe Liegende getroffen haben. Der eine hält gleichſam eine Grabrede einem eben geſtorbenen theuern Ver⸗ wandten, dem heiße Thränen fließen, ſtellt den Moment ſeines Todes in Gegenſatz zu der Sterbeſtunde des Gottloſen, der nur im Fluche der Menſchheit fortlebt, entfaltet in Todesbetrachtungen ein kindlich frommes Gemüth und ſpendet den Theilnehmenden Troſt mit dem Worte: Das Andenken des Gerechten bleibet im Segen! Damit aber ver⸗ pflichtet er uns, die chriſtlich frommen Geſinnungen zu rühmen, die durch die ganze ſehr

*) Schleiden in Jena. *) Aeſchylos Prometh. 443 ff.