Aufsatz 
De Bacchiadis Corinthiorum / scripsit Carolus Wagner
Entstehung
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Aber ſelbſt jenen Begriff des Neuen, der nur an das Außerordentliche und Unge⸗ wöhnliche ſich anknüpft, dürfen wir als einen äußerlichen und oberflächlichen verwerfen, denn der tiefer eindringende Scharfblick findet das Neue auch da, wo ſcheinbar die Hülle des Alten geblieben iſt. Es geſchieht nichts Neues unter der Sonne, ſagt zwar ein alter Weisheitsſpruch, aber Alles iſt neu, was unter der Sonne geſchieht, ja die Sonne ſelbſt geht täglich als eine neue auf, ſo lautet der verbeſſernde Wahrſpruch, den tiefere Forſchung hinzuzufügen gewagt hat. Iſt doch alles Leben ein ſteter Wechſel von Stoff und Form, und hat doch ſchon ein alter Weiſer*) bemerkt, daß von den 26250 Tagen, zu denen er das menſchliche Leben veranſchlagt, kein einziger Tag ganz das Gleiche herbeiführe, wie der andere. Lehrt doch unſere Naturforſchung, daß ſelbſt das Weſen der Körperlich⸗ keit nicht ein todtes ſtillſtehendes Sein iſt, ſondern daß die ganze Körperwelt von unſicht⸗ baren Bewegungen durchdrungen iſt, welche in weit höherem Grade, als wir uns vor⸗ zuſtellen pflegen, das ganze Sein der Körper beſtimmen. Wie ſollte nicht noch unendlich mehr auch das geiſtige Leben aus Schwingungen beſtehen, die in jedem Augenblick neue Bewegung und neue Stimmung hervorrufen? Und ſo hat auch unſere Schule als eine Stätte des geheim wachſenden Geiſtes in dem letztverfloſſenen Jahre neue Kräfte entwickelt und neue Pflanzungen erzeugt; ſo dürfen wir hoffen, auch an dem heutigen Tage neue Producte und Reſultate unſerer Thätigkeit aufzuweiſen: möge darum auch die Gunſt ſich erneuern, mit welcher ſie von einem achtſamen und theilnehmenden Publicum aufgenommen zu werden verdienen.

Was zunächſt unſere Preisaufgaben betrifft, ſo waren für das verfloſſene Jahr. folgende geſtellt worden:

1) Freie poetiſche Bearbeitung des 23. und 90. Pſalms. Eine Löſung dieſer Aufgabe iſt geliefert worden, welche den erſten dieſer Pſalme in einer Ode von 28 Al cäiſchen, den andern in einem Kirchenliede von 11 jambiſchen Strophen zur Darſtellung bringt. Wir hätten das Umgekehrte gewünſcht, die ſanfte Gemüthlichkeit des 23. Pſalms in der Form eines Liedes, die Erhabenheit des 90. in der Form eines Hymnus wieder zu finden, und es würde dadurch möglich geworden ſein, die Grundgedanken und das charakteriſtiſche Gepräge beider Stücke feſter zu halten, ohne ihre Einheit und Innigkeit durch Beiziehung des Entlegenen zu gefährden. Aber es war eine freie Bearbeitung verlangt worden, und unter allen Mißverſtändniſſen, zu denen das Wort Freiheit ſchon Beranlaſſung gegeben, iſt das vorliegende, wenn es überhaupt vorliegen ſollte, das unſchuldigſte, das wünſchenswertheſte, denn die Freiheit, die dem Verf. geſtattet war, hat er bemeſſen nach dem, was er vermochte. Iſt doch der Inhalt ein würdiger, und die Form in regelrechtem Bau der meiſten Strophen und leichtem Fluß des Verſes und der Reime eine wohlgefügte, alſo daß kleine Flecken verſchwinden hinter größeren Vorzügen. Der Verf. hat Talent, Fleiß und Geſchick bewieſen, und wo dieſe drei im Bunde ſtehen und für die Löſung einer ſchwierigen Aufgabe eingeſetzt werden, da ſoll der Preis nicht fehlen, und es erhält ihn Hermann Dannenberger aus Sypachbrücken.

2) Des Tyrtäos Elegien und Marſchlied ſprachlich und ſachlich zu erklären, im Versmaße der Urſchrift zu überſetzen und nach ihrem dichteriſchen und ſittlichen Gehalte zu würdigen.

3) Componantur quae inita grammatica ratione in Herodoti libris prio- ribus apparent singularia.

4) Der Pontus Euxinus und ſeine Küſtenländer, hiſtoriſch⸗geographiſches Gemälde aus dem Alterthum in lateiniſcher oder deutſcher Sprache.

5) Eine von ſämmtlichen Schülern der erſten Klaſſe zu fertigende lateiniſche Arbeit, wegen welcher das Nöthige mündlich beſtimmt werden wird. Es iſt dazu gewählt

*) Solon bei Herodot 1, 32.