Aufsatz 
Bestimmungstabellen der zur Flora Nassau's gehörenden Pflanzengattungen
Entstehung
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die Gattungen, die Linné in den Ordnungen dieſer Klaſſen zuſammengeſtellt hat! Und doch hat der große Naturforſcher lebhaft das Bedürfniß gefühlt, ds Verwandte zum Verwandten zu bringen. Denn einige Mal gab er fein Princip zum Vortheil des natürlicheren auf. So ſtellte er die Schmetterlingsblumen ſämmtlich in die 17te Klaſſe, während doch alle, deren Staubgefäße zu einem Bündel verwachſen ſind, z. B. die Ginſtern, zu der 16ten gehören ſollten. Ja, er wäre bisweilen, wie bei den Knöterich⸗ und Ampferarten, genöthigt geweſen, die Arten derſelben Gattung ſogar in verſchiedene Klaſſen zu ordnen, wenn er pedantiſch von ſeinem einmal angenommenen Princip ſich hätte wollen leiten laſſen. Grade dieſe Abweichungen, die ſich Linné ſelbſt erlaubt, dokumentiren aufs Beſte, wie ſehr er darnach ſtrebte, ein ſolches natürliches Syſtem zu gründen. Aber auch darau iſt es zu erkennen, wie ganze Abtheilungen des Linné'ſſchen Syſtems einen faſt in allen Stücken übereinſtimmenden Bau zeigen. Welche Uebereinſtimmung herrſcht in der Tracht der Iten Ordnung der 14ten Claſſe, der ganzen 15ten, 19ten und 20ten Claſſe! Es liegt mir ganz ferne, hier das Linné'ſche Syſtem mit dem ſogenannten natürlichen ausführlich zu vergleichen und es iſt ſehr zu bezweifeln, ob es einem Anfänger überhaupt beſſer gelingen mag, nach letzterem zu beſtimmen. Aber das konnte mich nicht abhalten, in dieſem Cardinalpunkt mich für das letztere zu erklären.

So ſollen denn die todten Formen, die abſtracten Größenverhältniſſe Leben erhalten und Ideen er⸗ wecken! Ideen, die, wenngleich verſchieden von den einem Kunſtwerk zu Grunde liegenden, zu allen Zeiten die dichteriſche Phantaſie erwärmt haben. Es iſt fürwahr Leben in den Bäumen und Gräſern, wenn Alles grünt und blüht, aber es iſt auch dann noch Leben in ihnen, wenn ſie geſpenſterartig ihre dürren Aeſte und bereiften Rispen in die kalte Winternacht hinausſtrecken*). Und wer an einer ſtolzen Eiche empor ſchaut und nur an die Eicheln denkt, und dann wieder ſeinen Blick auf die nickenden Glockenblümchen, von der Rieſin zu ihren Füßen geduldet, herabſenkt, und daran kaum mehr bewundert als ihre 5 Staub⸗ fäden ꝛc., der hat wahrlich weniger dabei gedacht, als fein großer Meiſter Linn. Wem es einmal geglückt iſt, den Generalplan, nach dem eine Pflanze gebaut iſt, zu verſtehen, dem wird es um ſo mehr Freude machen, die Schönheiten der Symmetrie, die Geſetzmäßigkeit in der Anordnung der einzelnen Theile zu erkennen. Dieſe Einſicht nun trägt weſentlich dazu bei, aus jeder botaniſchen Excurſion eine jedenfalls unſere Phantaſie vortheilhaft anregende Beſchäftigung zu machen. Andrerſeits iſt die exakte Betrachtungsweiſe ein kräftiger Schutz gegen die oberflächliche, über dieſen Formenreichthum und diefe Farbenpracht hinirrende und in leeren Phraſen verſchwimmende Bewunderungsmanie.

Endlich, wie ſo die Phyſiognomie der einzelnen Pflanzen deren Exiſtenz wohl Niemand leugnen mag zugänglich wird, ſo gewinnt in erhöhtem Grade die Anſicht der ganzen Landſchaft und der Par⸗ tieen derſelben einen neuen Reiz. Eine Waldblöße, ein Sumpf, das Ufer eines Gießbaches, eine Haide, ein Moosgrund werden zu lieblichen Gemälden, in denen die Gruppen bekannter Geſtalten, wenn auch keine hiftoriſchen Scenen darſtellen, ein ganz beſtimmtes Gepräge der ſonft öden Natur aufdrücken. Von dem Angenblick an, wo wir dieſe uns umgebenden Idyllen zu verſtehen anfangen, fühlen wir uns erſt recht heimiſch auf vaterländiſchem Boden. Es iſt der wohlverſtandene Zug der Natur, der unbe⸗ wußt eines jeden Gebildeten Bruſt erwärmt, der uns in anſchaulichſter, lebendigſter Weiſe an die geo⸗ graphiſche Bedeutung des Ortes, wohin wir den Fuß ſetzen, erinnert.

So werden wir, durch die Botanik weit über das ſpecielle Intereſſe der einen Wiſſenſchaft hinausgehoben, zu einer allfeitigen Crforſchung des Körpers, der uns alle trägt und ernährt, angeregt. So reicht die eine Wiſſenſchaft ebenbürtig allen andern die Schweſterhand zum herrlichen, das Menſchen⸗ geſchlecht beglückenden Verein.

*) Ich verweiſe auf die herrlichen Naturſchilderungen von Roßmäßler und Maſius.