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es für möglich halten, daß bei der exakten Beſchreibungsweiſe unſerer Zeit ſolche hingeſtreute Bemer⸗ kungen in unſere beſten Handbücher Eingang finden können? Zugeſtanden, daß es ſehr ſchwierig iſt, den Bau einer ſehr veräſtelten Pflanze zu erkennen, beſonders da, wo die einzelnen Theile bald durch Verkür⸗ zung zuſammengeknäuelt, bald durch Verſchlingungen nicht mehr in ihrer Anordnung und Geſtalt deutlich über⸗ ſehen werden können, ſo iſt es doch durchaus nothwendig, den Hauptplan, wonach der ganze Pflanzen⸗ leib aufgebaut erſcheint, zu begreifen. Ja, da alle Formen derſelben Pflanze, wie es ſcheint, nur von einem und demſelben ſich ſtets an metamorphoſirten Organen wiederholenden Princip der Anordnung abhängig ſind, ſo wird es dem, der daſſelbe einmal erkannt hat, um ſo leichter fallen, den Bau der Blüthen oder anderer nahe zuſammengerückter oder weſentlich verkürzter Theile zu verſtehen. Dieſes Geſetz der Anordnung muß aber, wenn irgendwo, ſo gewiß im Unterricht an den Organen zunächſt de⸗ monſtrirt werden, die in den größten Dimenſionen auftreten. Das iſt der Grund, weßhalb ich in meinen Beſtimmungstabellen die Anordnung der Aeſte, die Stellung der Blätter, den Blüthenſtand unter die vorderſten Eintheilungsgründe geſtellt habe. Ein Jeder, der hiernach beſtimmt, iſt gezwungen, zuerſt dieſe Vorfragen, welche den Grundriß der ganzen Pflanze enthalten, zu erledigen, bevor er ſeinen Blick den kleineren Theilen derſelben zuwendet und die daran zu machenden Beobachtungen benutzt, um die ſpeciellere Gruppe zu ermitteln, zu der die vorliegende Art gehört. Man mag dieſe ganze Arbeit des Beſtimmens vergleichen mit der eines Zeichners, der zuerſt den Umriß eines Bildes mit zarten Linien entwirft, in dieſen alsdann die einzelnen Hauptpartieen einträgt und zuletzt in wiederholender Weiſe dieſe bis in ihre Elementarformen auflöſt. So iſt es mir ſehr wichtig, daß der Schüler z uerſt beobachte, daß die Aeſte unſerer Ahornarten zu je 2 kreuzweiſe gegenüber ſtehen, und ſich hierdurch von allen Obſt⸗ bäumen zu jeder Jahreszeit weſentlich unterſcheiden, und dann erſt die anderen Bäume und Sträucher, denen daſſelbe Merkmal zukommt, wie die Hollunderarten, wieder von erſteren durch den verſchiedenen Bau des Blattes, deſſen Grundriß das Netz der Hauptadern vorſtellt, trenne, ſodaß er zuletzt erſt aus der Beſchaffenheit der Blüthe und anderer mehr künſtlich herbeigezogener Merkmale, wie z. B. aus der Ge⸗ ſtalt der Frucht ꝛc., auf die Gattung Ahorn ſchließen ſoll. Erſt dann, wann gleichſam die Phyſiognomie der Pflanze der Betrachtung und dem Verſtändniß näher gerückt iſt, mögen die einzelnſten Züge des Bildes in ausführlicher Weiſe erforſcht werden. Die Verwandtſchaftsgrade, in denen die einzelnen Gat⸗ tungen, wie die Arten einer und derſelben Gattung zu einander ſtehen, werden bei einer ſolchen Betrach⸗ tungsweiſe viel eher begriffen, ähnlich wie auch ſehr verwandte Individuen ſich nicht ſowohl in einzelnen Zügen, ſondern grade durch den Geſammteindruck, den ſie durch die Haltung des Körpers, ihren Gang, ihre Ausdrucksweiſe auf uns machen, viel eher als ſolche ſich manifeſtiren, als durch die Aehnlichkeit einzelner Körpertheile, durch die Uebereinſtimmung eines einzelnen Characterzugs. Es iſt aber unbeſtritten von hohem Werth, dieſen Zuſammenhang unter dem Mannichfaltigen frühzeitig erkennen zu lernen, und un⸗ gleich wichtiger noch, als das Einzelne*) ſelbſt genau zu beobachten. Es hat das denſelben Werth für die Naturbeſchreibung, wie die Vereinigung ſcheinbar ganz verſchiedener phyſicaliſcher Phänomene unter daſſelbe Naturgeſetz, wie die Verallgemeinerung eines ſpeciellen mathematiſchen Lehrſatzes. Gegen dieſe Auffaſſungsweiſe nun verſtößt grade am häufigſten der, der das Linné'ſche Syſtem allen ſeiuen Beobach⸗ tungen zu Grund legt. Wie oft vereinigt eine und dieſelbe Abtheilung, oder Unterabtheilung die hetero⸗ genſten Geſtalten! Wie contraſtiren z. B. die Pflanzen der 2ten, 4ten, 5ten und Sten Klaſſe; wie ſelbſt
*) Womit natürlich nicht geſagt ſein ſoll, daß der botaniſche Unterricht gleich mit dieſer Arbeit zu beginnen habe. Darum iſt es durchaus unumgänglich nothwendig, vorher die Kenntniß der wichtigſten Organe in einer vor⸗ bereitenden Unterrichtsſtufe zu erzielen.


