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einzelnen Blümchen und deren Theile die Beobachtung und Demonſtration erleichterten, und dann jeden andern ſchwieriger zu beobachtenden Fall als einen ähnlichen hinſtellen. Freilich iſt das für den hinrei⸗ chend, der eben nur wiſſen will, wie er ſich eine zuſammengeſetzte Blume zu denken habe, und gehört in die vorbereitende Stufe des botaniſchen Unterrichts; wer aber ſicher beſtimmen will, der muß in jedem einzelnen Fall alle angegebenen Merkmale ganz deutlich erkannt habenz ſonſt iſt er ſeiner Sache nicht gewiſſer, als ein Calculator, der eine einzige Ziffer für zweifelhaft halten muß. Dazu kommt noch, daß, je nachdem der Fehler früher oder ſpäter begangen wird, er ähnlich wie Ziffern an Rang gewinnt, alſo auch mehr oder weniger von der Wahrheit abgeirrt werden muß. Und es iſt doch nicht ganz angenehm, wenn man z. B. eine Kamille für einen Flachs oder eine Belladonna für eine Art der Gattung Ribes(wozu die Stachelbeere gehört) beſtimmt. Wie ſieht es endlich mit den Schirmpflanzen aus, worunter grade ſehr gemeine Cultur⸗ wie gefährliche Giftpflanzen vorkommen? Wie mit den Orchideen? Grasarten? Und wie nun, wenn ſolche ſchädliche Arten ſo nnartig ſind und zur Zeit der dringend nothwendigen Unterſuchung noch gar nicht blühen?
Ich glaube, damit in Kürze gezeigt zu haben, daß die Vorliebe für das Linné'ſche Syſtem beim Beſtimmen nicht nur zu einſeitiger Betrachtung der Pflanzen hinführt, die bald ermüdet und den an⸗ fänglichen Eifer ſchnell abkühlt, ſondern auch gar leicht bei der Schwierigkeit der direkten Beobachtung mancher Linné'ſchen Charaktere eine Quelle der traurigſten Irrthümer werden kann.
Es iſt aber noch ein Punkt, worauf ich bei dem botaniſchen Unterricht ein großes Gewicht legen möchte, der bei der ausſchließlichen Anwendung des Linné'ſchen Syſtems ganz unbeachtet bleibt. Es iſt das äſthetiſche Gefühl, welches durch das exakte Verſtändniß ſchöner Formen erweckt werden ſoll.
Nicht etwa das bunte Colorit, nicht die Pracht des Farbenwechſels der Blumen, unnachahmlich ſelbſt ſür eines Meiſters Hand, nicht der warme Ton, der über das freudig⸗grüne Laub unſerer zum Leben er⸗ wachenden Wälder, der über die herbſtlichen Baumgruppen in allen Schattirungen hingehaucht eines jeden Menſchen Herz bewegt,— dieſer reiche Schmuck, den uns Flora ſpendet, der fortwährend unſere Umgebung, unſer Leben verſchönern hilft, alle dieſe Herrlichkeiten der Pflanzenwelt, die unbewußt und bewußt die dichteriſche Phantaſie erwärmen,— es ſei ferne von mir, daß ich ſie hier zergliedere und ſtückweiſe unterſuche. Gehe doch hinaus, lieber Leſer, in die lebensfriſche Natur, blicke doch ſelbſt in die tauſend und abertauſend Blumenaugen, mit denen ſie Dir, Glücklichen, Frohſinn und Dankbarkeit, Dir, Leidenden, Troſt und Hoffnung zuwinkt, ſiehe, wie ſie Dich auf allen ihren Wegen ermahnt zur Beſcheidenheit und Friedfertigkeit, wie ſie Dich warnt vor dem Hochmuth und der Selbſtſucht, wie ſie Dir in jedem fal⸗ lenden Blatte Dein memento mori zuruft! Und wenn Du gar ein Freund der Botanik biſt, ſo wirſt Du recht fleißig hinauswandern und zu der ſtets wachſenden Artenzahl Deines ſorgſam gepflegten Her⸗ bariums manches noch köſtlichere, immergrüne Gedenkblatt für Deine ſpäteſten Tage hinzulegen.
Hier aber ſollte von dem botaniſchen Unterrichte geredet, von der einſeitigen, zu abſtrakten Betrachtungsweiſe der Pflanzen gewarnt werden. Andrerſeits wäre es ſchlimm und wenig erſprießlich für die Wiſſenſchaft wie für das Leben, wenn die Bewunderung der Schönheiten Flora's zu einer kränklichen Sentimentalität hinüberführte. Dakum muß auch der Verſtand ſeinen Arbeitsantheil bekommen. Es iſt in der That nicht ſo ganz leicht, den complicirten Bau der meiſten Gewächſe zu verſtehen und der Anfänger ſtrauchelt vor keiner Schwierigkeit mehr, als vor einer klaren Auffaſſung des Habitus mancher Pflanzen. Selbſt unſere beſten botaniſchen Autoren drücken ſich nicht ſelten, wenn ſie zwei ſehr ähnliche Pflanzenarten von einander unterſcheiden wollen, kurzweg ſo aus:„Dieſe Art läßt ſich durch ihren Habitus(ihre Tracht) ſogleich als eine von der eben beſchriebenen verſchiedene erkennen“, oder„wer dieſe Pflanze einmal geſehen hat, wird ſie nie mehr mit dieſer oder jener verwechſeln können“. Sollte man


