3
Kindes ein edles Feuer entzündet, und ſelbſt in moraliſcher Hinſicht mag es daher von hohem Werth erſcheinen, frühzeitig zu ähnlichen Anwendungen der ſogenannten Schulkenntniſſe, zu einer gewiſſen Selbſt⸗ ſtändigkeit anzuregen.
So weit alſo ſollte es eigentlich jeder Schüler unſerer höheren Schulen bringen— wenn er auch alle erlernten botaniſchen Namen, deren es leider nur zu viele gibt, vergäße— daß er jederzeit be⸗ ſtimmen kann, welche Pflanzenart er im zweifelhaften Fall vor ſich hat. Darauf hinaus wird in der That mit aller Energie gearbeitet, aber hier zeigen ſich erſt die Schwierigkeiten des Unterrichts und daher die verſchiedenſten Reſultate. Denn meiſtens wird dieſe Uebung ſo betrieben, daß man faſt oder doch vorzugsweiſe nur auf die Sexualorgane, die Linné eben ſeinem Syſtem zu Grunde legte, Rückſicht nimmt. Und damit iſt die Sache ſcheinbar recht leicht abgemacht. Geſetzt auch, das Linné'ſche Syſtem hätte dieſe Vollkommenheit— die ihm Linné ſelbſt ſtreitig macht*)—, was liefert eine ſolche Beſtimmung viel mehr als ein Paar Zahlen und Größenverhältniſſe, die eben nur den Kenner intereſſiren? Z. B. Iſt damit etwa alle Wißbegierde geſtillt, wenn ich an irgend einer Pflanze beobachtet habe, daß ſie 2 Staubgefäße, 1 Piſtill, einen 4theiligen Blumenkronenſaum, eine 2fächerige Kapſel hat(cf. Linné's Diagnoſe von Veronica)? Wird dadurch nicht zuletzt der Schüler— und wohl auch andere Leute, die wieder an dem Schüler ihre Beobachtungen machen— in dem irrigen Wahn beſtärkt, daß es bei allen ſeinen botaniſchen Unterſuchungen nur auf die Blüthe ankomme, daß die ganze Beobachtung auf ein Zählen der Staubgefäße, Stempel ꝛc. hinauslaufe? Wie ſoll man da den Vorwurf abweiſen, daß ſolche Arbeit doch mehr Spielerei als Wiſſenſchaft ſeid Wird in der That dabei viel mehr Botanik gelernt, als wenn man dieſelbe Beſtimmungsarbeit an Modellen oder gar an Abbildungen von Blütheu vornähme? Und doch hätte man hier noch die Erleichterung, an recht großen und anſchaulich ausgeführten Formen die Zählübung anſtellen zu können, und dazu würden noch die zeit⸗ raubenden Excurſionen erſpart. Denn in Wirklichkeit wird das Zählen nicht immer ſo leicht abgethan, wie Mancher denkt, und dabei oft falſch gezählt— ergo falſch beſtimmt. Die Natur hat glücklicher Weiſe auch hier dafür geſorgt, daß es dem Menſchen nicht gar zu bequem und wohl werde, und hat ihm das Nachdenken nicht erſpart, das ihn erſt zu ihrem Herrn macht.—
Viel ſchlimmer aber wird die Sache, wenn man an die Linnéſchen Claſſen geräth, für welche das Verwachſenſein einzelner Blüthenorgane das einzige Kriterium bildet. Es mag wohl wenige oder gar keinen Anfänger geben, die direkt beobachten— wie es doch bei einem vernünftigen naturwiſſenſchaftlichen Unterricht geſchehen müßte— daß die Staubbeutel eines Kamtllenblüthchens mit einander zu einer Röhre verwachſen ſind. Und trotzdem iſt dieſe Frage zunächſt zu beantworten, dieſe Beobachtung zuerſt vorzunehmen, wenn an eine Beſtimmung der Kamille(deren es bekanntlich mehrere, ächte und falſche, gibt) nach Linné'ſchem Syſtem gedacht werden ſoll. Recht gerne geben es freilich unſere Schüler zu, ja ſie ſehen auf Verlangen alle 5 mit einander verwachſenen Staubgefäße mit unbewaffnetem Auge und rüſtig geht nun die Beſtimmung ihren„geweiſten“ Weg weiter!
Man wird mir zwar einwenden, daß es ſehr verkehrt ſei, mit der Kamille— oder vielleicht überhaupt mit der 19ten(!) Klaſſe— einem Anfänger zu kommen. Man könne ja recht wohl zuſammen⸗ geſetzte Blumen vorher wählen, wie z. B. die Klette, Sonnenblume ꝛc., welche durch die Größe der
*) Ich brauche nur an die 23te Claſſe zu erinnern, in die ſchließlich faſt alle Pflanzen hinein beſtimmt werden können, da es, wie es ſcheint, lediglich von der phyſiſchen, bisweilen durch Witterungsverhältniſſe bedingten, oder chemiſchen Beſchaffenheit des Bodens abhängt, ob das eine oder andere Organ fehlſchlägt, oder über ſeine Normen hinauswuchert. S. ferner Claſſe VII und XI, welche ſchon äußerlich durch ihre geringe Vertretung als zu künſtlich gebildete ſich erweiſen.
1*


