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Es iſt die Vorliebe für das Linné'ſche Syſtem, wogegen ich agiren zu müſſen glaube. Und doch, welchem Manne verdankt die Syſtematik der beſchreibenden Naturwiſſenſchaften, verdankt die Botanik grade mehr, als Linné? War es nicht Linné, der zuerſt das zahlloſe Heer der Thiere und Pflanzen mit ſicherem Takte und ſeltener Beobachtungsſchärfe ordnete, der zuerſt die wiſſenſchaftlichen Grundſätze lehrte, wonach wir noch heute die natürlichen Dinge erkennen und unterſcheiden ſollen? Bei welchem Naturforſcher finden wir eine präciſere Definition, eine das Weſen derſelben eleganter bezeichnende Benennungsweiſe, als bei ihm? Und endlich, wer anders, wie Linné, würde mit dem ſcharfen Schwert ſeiner Kritik den„vielwiſſenden“ Haufen ſeiner Splitterrichter ſo ſiegreich bekämpfen? Oh, daß er doch noch lebte, der weiſe Forſcher, und heute, wo eine babyloniſche Verwirrung in das von Tag zu Tag wachſende Reich der Arten⸗ und Gattungsnamen hereinzubrechen droht, ſein Genius wieder die Ordnung ſchüfe, ohne die an kein Syſtem, an keine Wiſſenſchaft gedacht werden kann!
Aber wie groß auch die Bewunderung dieſes Coryphöen ſein mag,— Unterricht und Wiſ⸗ ſenſchaft ſind wohl zu trennende Dinge. Wenn Linné ſeine vielſeitigen botaniſchen Studien damit gewiſſermaßen krönte, daß er ſein bekanntes künſtliches Syſtem aufſtellte, wenn ſein Geiſt ſo hell ſah, daß er in dieſem bunten Wechſel der Erſcheinungen das Weſentliche, das Geſetzmäßige glücklicher als irgend ein Anderer vor ihm traf, ſo ſind wir noch lange nicht berechtigt, im Unterricht damit zu beginnen, womit er ſein durch den thätigſten Fleiß und mit bewunderungswürdigem Genie aufgeführtes Gebäude abſchloß. Der geniale Blick Linné's, der in dem Bau der Blüthe den Charakter der Pflanze als am ausgeſprochenſten erkannte, iſt eben nicht Jedermann eigen, und wenn zwei daſſelbe thun, ſo iſt es eben nicht daſſelbe.
Ich komme aber nun auf den Hauptvorwurf, den man dem botaniſchen Unterricht machen kann, wenn er nur auf ſchablonenmäßige Erlernung und Anwendung des Linné'ſchen Syſtems ausgeht. Nicht als ob darunter ein förmliches Auswendiglernen der 24 Linné'ſchen Claſſen und Unterabtheilungen gemeint ſei, ſammt deren Diagnoſen. So verkehrt möchte wohl nirgends mehr die Botanik tractirt, oder beſſer geſagt maltraitirt werden. Ueberall vielmehr macht ſich die richtige Anſicht geltend, daß das Ziel des botaniſchen Unterrichts in der Befähigung beſtehe, einmal die pflanzlichen Organe und ihren wiſſen⸗ ſchaftlichen Zuſammenhang zu erkennen, ſowie jede Pflanze wiſſenſchaftlich zu beſchreiben und zu be⸗ ſtimmen*). Von letzterer Arbeit, von dem Beſtimmen, ſoll nun hier hauptſächlich gehandelt werden, da eben die nachfolgenden Beſtimmungstabellen in der guten Abſicht entworfen wurden, der Idee über die Verbeſſerung des botaniſchen Unterrichts Fleiſch und Blut zu geben.
Es iſt wohl jedem Gebildeten einleuchtend(auch abgeſehen von einer ſtreng wiſſenſchaftlichen Be⸗ trachtungsweiſe, der kein Ding in der Natur zu gering iſt), daß, da wir nun einmal mitten unter den Pflanzen, von ihnen und durch ſie athmen und leben, es wohl ſchon ein Akt der Erkenntlichkeit wäre, dieſe liebenswürdigen, duldſamen Weſen näher kennen zu lernen. Selbſt dem, der materieller denkt, der nur Gewinn ſucht, oder Schaden verhüten will, muß es vortheilhaft erſcheinen, wenn er durch irgend ein Mittel in Stand geſetzt wird, ſich über die Identität einer beliebigen Pflanzenart zu vergewiſſern, die ihm entweder angeprieſen oder vor deren Anwendung, Cultur c. er gewarnt worden iſt. So handgreiflich aber der Nutzen iſt, den eine ſolche Anleitung einem Jeden bringt, ſo ermuthigend und heilſam iſt es für den Lernenden, wenn es ihm in kurzer Friſt gelingt, wenigſtens die leichteren der ihn auf jedem Spaziergange umgebenden botaniſchen Räthſel zu löſen. Iſt es ja doch ähnlich mit jeder Anwendung unſerer Kenntniſſe! Es iſt der Sieg der Wiſſenſchaft, der ſchon in dem Geiſte des
*) Es iſt natürlich hier nur die Rede von dem Unterrichte unſerer höheren Schulen.


