Aufsatz 
Der Bau des südamerikanischen Festlandes südlich von 40° S
Entstehung
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oft greifen tektonische Senken von dem Paxifischen Ozean her tief in die eigentliche Kernzone des andinen Systems ein. Eigentümlich ist es, daß nicht der hohe mittlere Zug. die kontinentale Wasserscheide trägt, sondern daß diese weit im O desselben auf niedrigen Vorketten oder gar auf den Ebenen des patagonischen Tafellandes liegt. Es ist dies ein typischer Fall einer anormalen Wasserscheide, die von der feuchten W-Seite nach viel niedrigeren Ketten des trockenen O gerückt ist. In- folgedessen durchbrechen die pazifischen Flüsse die ganze Breite der Anden in tief eingeschnittenen, engen Schluchten. Die Höhe des Gebirges ist im Vergleich zu den gewaltigen Bergriesen des mittleren und nördlichen Chile gering. Im allgemeinen nimmt sie von N nach S immer mehr ab. Genaue Zahlenangaben über mittlere Kammhöhe, Paß- und Gipfelhöhe lassen sich noch nicht machen, weil das Netz genau gemessener Punkte nicht dicht und gleichmäßig genug ist. Zwischen 51°und 520 fängt das Andensystem an, eine Drehung gegen O auszuführen, sodaß die Streich- richtung am äußersten S-Ende des Festlandes zunächst nach SO und im Feuerland in die reine O-Richtung übergeht. Der Verlauf der Küste folgt ganz genau den Ver- änderungen in der Streichrichtung des Gebirges. Suess*) weist auf die Ahnlichkeit mit dem Ende des östlichen großen Kordillerenzuges hin, der von Bolivia ausgehend, in Argentinien eine Beugung nach S0, also in demselben Sinne, erfährt, sodaß eine Virgation entsteht. Er sagt:Diese Ubereinstimmung zeigt die Allgemeinheit der Bewegungen und läßt hervortreten, daß die Aste der Anden gegen Süd und Südost in ähnlicher Weise auseinandertreten wie die westlichen Aste des Tien-schan.

Dieser mittlere Zug, die eigentliche Cordillera de los Andes, fällt nach W überall sehr steil gegen das riesige chilenische Längstal ab, das an Länge von einem anderen wohl kaum übertroffen wird und die Anden von 33° 8 an begleitet. Nach S beständig an Höhe abnehmend, sinkt es unter 41⁰ 30 S unter den Meeresspiegel. Es setzt sich aber deutlich wahrnehmbar bis zum Beagle-Kanal im S Feuerlands in den zahllosen Kanälen und Meeresstraßen fort, welche die dem Festlande vorgelagerten Inseln von demselben trennen. Nur noch einmal, am Isthmus von Ofqui(46° 50˙ 8), taucht der Boden des Längsgrabens über das Meer hervor und wird durch die niedrige, sumpfige Verbindungsbrücke der Halbinsel Taitao mit dem Festlande dargestellt. Es ergeben sich also ohne weiteres die beiden Teile des Längstales, von denen der eine überseeisch, der andere dagegen vom Meere bedeckt ist.

Jenseits dieser Senke erhebt sich im W ein der Cordillera de los Andes paralleler Gebirgszug, die sogenannte Küstenkordillere. Auch sie ist unzweifelhaft demselben Gebirgssystem des W zuzurechnen wie der mittlere Zug. Sie fällt steil nach W zum Paxzifischen Ozean ab. Durch den Kanal von Chacao wird sie unter- brochen und setzt sich auf der Insel Chiloë und auf den Inselgruppen im W der Küste bis zu den Inseln im S des Feuerlandes fort. Auch die Küstenkordillere be- teiligt sich an der Beugung des mittleren Kordillerenzugs.

Aber nicht allein auf der W-Seite wird der Hauptgebirgszug von einer langen, tiefen Senke begleitet, sondern auch auf der O-Seite läßt sich eine solche erkennen, die jedoch nicht die Länge des westlichen Talzuges erreicht. Sie beginnt mit dem großen nordwestlichen Arm des Lago Nahuelhuapi und taucht am Estero Ultima

*) Suess, Antlitz der Erde l. pag. 665.