Aufsatz 
Über den griechischen Epiker Quintus Smyrnaeus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

nehmen verſucht; nichts aber wird ihn zu einem bedeutenden Dichter zu machen ver mögen, der, angeweht von dem alle Kunſt beherrſchenden göttlichen Hauch, die Elemente des Epos in reiner Harmonie hätte vereinigen können. Ein Verdienſt aber bleibt ihm unbeſtritten, welches ihm für immer in der Geſchichte der epiſchen Poeſie einen Platz bewahren wird und von Köchly und Bernhardy mit vollem Recht geltend gemacht wurde, nämlich das Verdienſt, daß er mehr als tauſend Jahre nach Homer und nach allen ver⸗ ſchiedenen Phaſen, in welche die epiſche Poeſie in dieſer langen Zeit getreten, wieder in Vers und Diction auf den älteſten griechiſchen Nationaldichter und den Fürſten aller künſtleriſchen Poeſie zurückgegangen iſt, den berühmten Stoff alter Quellen in treuer Erzählung zuſammengeſtellt und dem älteſten Epos mit der Hiugabe des jüngſten Rhap ſoden, wie Bernhardy ſagt, in ſo ſpäter Zeit ein Nachleben zu bereiten verſucht hat; es iſt dies eine That geweſen, und man kann mit Göthe ſagen: Wer wohl wagte mit Göttern den Kampf? und wer mit dem Einen? Doch Homeride zu ſein, auch nur als letzter, iſt ſchön.

Der Verfaſſer vorſtehender Slizze gibt zum Schluſſe noch zwei Ueberſetzungsproben, bei denen er einestheils die Eigenthümlichkeiten im Versbau des Quintus zu wahren ſuchte, anderentheils nach dem Genius der deutſchen Sprache die grammatiſche Beto⸗ nung der proſaiſchen Rede zur Grundlage der metriſchen Meſſung nahm.

Geſang X, Vers 283331. (Paris, durch den vergifteten Pfeil des Philoktetes zum Tode verwundet, fleht ſeine verlaſſene Gemahlin Oinone um Rettung an.) Nur noch ſchwach aufathmend begann er zu ſeiner Gemahlin: Ach, ehrwürdiges Weib, o jetzt bei den folternden Qualen Sei mir nicht feind, weil einſt ich verwaiſt dich im Hauſe zurückließ! Ungern that ich es nur, doch die Keren mit zwingender Allmacht Trieben zur Helena mich. O wäre, bevor ich ihr nahte, Mir mein Leben entflohen, verhaucht in deiner Umarmung! Doch ich beſchwöre dich jetzt bei den Göttern, den Himmelsbewohnern, Auch bei unſerer Lieb' und unſerer Ehegemeinſchaft, Sei nun freundlich und mild und vertreibe die grimmigen Schmerzen, Hier auf die tödtliche Wunde die rettenden Mittel mir legend, Die nach dem Schickſalsſchluſſe die Qual zu tilgen vermögen, Wenn du nur willſt; denn allein bei dir liegt ganz die Entſcheidung, Ob mir Errettung ſei, ob nicht, von dem widrigen Tode. Aber erbarme dich raſch und bezähme der raffenden Pfeile Tödtliche Macht, ſo lang mir die Kraft und die Glieder noch ſtark ſind. Laſſe dich doch nicht ganz von verderblichem Eifer berücken, Nicht als Opfer mich fallen dem unbarmherzigen Schickſal, Da ich dir flehend genaht. Du beleidigeſt wahrlich die Liten, Die ja Töchter ſich nennen des donnernden Zeus Kronion 2*