Aufsatz 
Über den griechischen Epiker Quintus Smyrnaeus
Entstehung
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neten Perſonen ſprechen und ſomit nicht aus der Handlung entſtehen läßt, hat er die Homeriſche Spruchweisheit nicht immer glücklich nachgeahmt.

Wenn die angedeunteten Mängel durch anderweitige entſchiedene Vorzüge des Helden⸗ gedichts paralyſirt würden, ſo könnte man ihnen vielleicht einen relativ geringen Werth beilegen und ſie mit der Nachſicht, zu der alle wahrhaft poetiſchen Productionen reizen, wohlwollend überſehen. Nun iſt es unzweifelhaft, daß Quintus verſteht, einfach, klar und frei von Ueberſchwänglichkeit und phantaſtiſchem Spiel in Gedanken und Ausdruck zu erzählen; aber eine durchſichtige, fließende Erzählung, ſelbſt mit mehr Farbe und weniger Monotonie vorgetragen, iſt damit noch nicht ein Epos. Dieſes verlangt vor allen Dingen innere Wahrheit, ideale Erhebung über die Zufälligkeiten des gegebenen Stoffes und Abrundung der dargeſtellten Handlung zu einem einheitlichen Ganzen. Hierin mußte Homer Vorbild ſein; aber Genialität der Wahl und der Geſtaltung des Sagen⸗ ſtoffs im Ganzen, umfaſſende Weltanſchauung und Kenntniß der Menſchennatur, die Kunſtmittel der Compoſition, lebendige Zeichnung concreter Charaktere, dramatiſirende Darſtellung ſind eben Dinge, die ſich nicht ſo leicht ablernen und nachahmen laſſen. Homer hatte Glaubensbewußtſein und Sagenkunde mit ſeinen Hörern gemein, dem Quintus war der Homeriſche Mythos unverſtändlich geworden und damit ſeinen epiſchen Geſtalten der ideale Boden entzogen; das ſchöne poetiſche Verhältniß, welches beim echten Epos in der von Hegel ſo ſtark betonten Identität der Götter und Menſchen beſteht, iſt bei ihm aufgelöſ't; und da der an die atten Götter nicht glaubende Dichter in ſeinen gött lichen Figuren nur Schemen zeichnen konnte, ſo ſind ſeine Heroengeſtalten unwiderſtehlich demſelben Schickſal verfallen, und mit dem Verluſte der Wahrhaftigkeit iſt auch das Hauptintereſſe dahin. Hier ſind keine lebendigen Urbilder der Helleniſchen Welt, keine concrete Geſtalten aus dem Mythos entwickelt mit dem Anſchein hiſtoriſcher Wahrheit, keine unverfälſchte Abſpiegelung einer uralten Gegenwart; und nach ſolchen Göttern und Helden hätte kein Phidias einen Olympier gemeißelt, kein Flaxman Umriſſe gezeichnet. Gleich wichtig iſt der Umſtand, daß Quintus ſeines weiten Stoffes nicht Herr zu werden vermochte, da ihm nicht vergönnt war, mit allen Sinnen zu ſchauen. Durch die ihm fehlende ſchöpferiſche Kraft vor wilden Auswüchſen geſchützt war er nur im Stande, den großen Stoff in zuſammenhängender Erzählung zu geben, oft wortreich undetrocken, faſt tagebuchartig, ohne die Anmuth, Einfachheit und Leichtigkeit Homer's, ſelbſt ohne deſſen Schlummer, von dem Jakob Grimm ſagt, daß er oft einen gefälligeren Eindruck mache, als das ſtets wacherhaltene Feuer der Dichtkunſt. Den Stoff geiſtig zu beherrſchen, dazu reichte des Quintus Kraft nicht aus; er konnte in ſeine Dispoſition keine Einheit bringen, keine Einheit der Handlung und der Hauptperſon, überhaupt keine kunſtreiche Anordnung im Ganzen und in den einzelnen Theilen. Faſt jeder Geſang bildet ein kleines Epos für ſich; die lange Fahrt, welche der Dichter zurücklegt, geht faſt ſtoßweiſe vor ſich; mehr⸗ mals glaubt man, er nahe dem Lande, aber ſtets ſehen wir den Fährmann wieder un⸗ verdroſſen, faſt unbekümmert in den Wogen des um ihn fluthenden Stoffes ſich weiter durcharbeiten. Man darf freilich an den Epiker nicht ſo ſtreng die Forderung der Ein⸗ heitlichkeit ſtellen, als an den Tragiker, und ebenſowenig iſt es immer möglich in einer Sagenpartie eine Hauptperſon zu finden, welche das vorzüglichſte Intereſſe in Anſpruch

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