Aufsatz 
Über die Formen der Medialfunktion bei dem gotischen Verbum / [C. Chr. Wagner]
Entstehung
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Ueber die Formen der Nedialfunction bei dem gotischen Verbum.

DDas Vorhandensein einer eigenen Passivform im Gotischen macht auf den deutschen classischen Philologen einen eigenthümlichen, man möchte sagen, zugleich befremdenden und freudigen Eindruck: er, der bisher ein Vorhandensein jener Form, welche das Latein und Griechisch ihm in reicher Fülle zeigten, in seiner Muttersprache nicht vermuthete, kann jetzt, nachdem er aus dem Munde der älteren Schwester diese als nie vorhanden oder doch für verloren gehaltene Sprachform vernommen, die beiden classischen Sprachen auch aus dieser Formähnlichkeit als seine Urverwandten begrüssen. Unwillkürlich laden ihn diese gotischen Passivformen zu einer Untersuchung ein, ob und in welcher Weise ihnen eine Medialfunction zukomme. Den Reichthum und die Fülle der unter einander fein niiancierten Functionen des griechischen Mediums ¹) wird er freilich in den nur wenig Mannich- faltigkeit darbietenden Formen des gotischen Passivums nicht zu finden hoffen. Doch wäre es möglich, die eine oder andere jener Beziehungen, etwa die rein ²) objective Reflexivbedeutung als die Grundfunction ³) aller indogermanischen Mediopassiven noch anzutreffen, zumal wenn er bedenkt, dass in den zum reinen Passivum herabgesunkenen entsprechenden lateinischen Formen sich auch noch hier und da ein wenn auch nur mittelbares Be- wusstsein eines Vorhandenseins des objectiven Reflexivpronomens in der Endung zu erkennen gibt(Lavor ich bade mich).

1) Vgl. Haacke, der Gebrauch der Tempora des griech. Verbums. 2)Rein objectiv setzen wir hier im Gegensatze zu entfernterem Objecte; vgl &yduodœ ich ziehe mich an und ydioœu verdya ich ziehe mir den Leibrock an. 3) Bopp, vgl. Gramm. p. 685. 1