Aufsatz 
Über deutsche Orthographie : 1. Teil
Entstehung
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herouzgab, bitter darüber beklagt:Ich tzu mainem tail waiz ſchier nicht, wie ich meine ſchüler lernen ſol, der urſachen halber, daz jetzunder, wo unſer drei oder vier deutſche ſchreiber tzuſammen kommen, hat jeder ainen ſonderlichen gebrouch. Natürlich muſte diſe unſicherhait tzunemen, je mer landſtriche ſich allmehlich bei der neuen literatur betailigten; die orthographie der regierungs⸗ kantzeleien, nach welcher die ſchreiblerer ſich biz dahin mochten gerichtet haben, trat vor dem anſehen und der menge der neuen bücher immer mer in den hin⸗ tergrund; dieſelbe war auch nicht in allen landen die nemliche, und ſo wenig wie die orthographie elterer handſchriften oder drucke jedem ſchriftſteller bekannt; nach ainer neuen autorität, die vor allem den ſchulen ſo not tat, etwa nach Luther, fragten die wenigſten; Luther ſelbſt war ſo weit entfernt, dieſelbe in anſpruch zu nemen, daz ſich ſeine aigene orthographie von jar tzu jar anders geſtaltete. In dem nördlicheren niderdeutſchland hatte nicht ainmal jeder gelegenhait, ſicher darüber tzu werden, wie diſe im fremde, die hochdeutſche ſprache aigentlich ge⸗ ſprochen werden ſollte: auf der univerſität hörte er neben Luthers ouzſprache auch die von Melanchthon und Hier. Schürpf; im blib alſo nichts übrig, als auch ſeiner ſeits die ſprache der bücher ſo tzu leſen und tzu ſprechen, wie ſein niderdeutſch gebildeter mund ez im eingab, dann aber umgekert auch ſo tzu ſchreiben und orthographiſche aigenhaiten der niderdeutſchen ſprache ouf die ſchrei⸗ bung der hochdeutſchen tzu übertragen, namentlich die ſetzung des hetzu den conſonanten m, n, l und r.

Cz were unrecht, die verwirrung der orthographie im XVI. jarhundert den damals lebenden ſchriftſtellern allain tzur laſt tzu legen; ainen grozen tail der ſchuld tragen ſchon die früheren jarhunderte: mit dem hinſterben der mittelhoch⸗ deutſchen ſchriftſprache verfiel auch die feinere ſchreibkunſt; die nachtaile davon trafen mit doppeltem gewicht die neu oufkommende ſchriftſprache. So findet Luther die der ſchwebiſchen, noch mer aber der heſſiſchen mundart aigene ver⸗ kennung der verheltniſſe zwiſchen ſ, ß und 3 ſchon in der gantzen litteratur ver⸗ braitet vor: ſſ für ß nach langen wie nach kurtzen vocalen: reiſſen, auſſen, ſtoſſen wie faſſen, eſſen, wiſſen; daneben ainfaches 3 nur im anlout, ſonſt überall t, in ſatz, netz, witz wie in raitz, geitz, kautz, ſtoltz, gantz, hertz. Daz man auch diſez tz verkannt hatte, und tzwar im tzuſammenhang mit der falſchen deutung des ß⸗loutes, daz man ſonſt folgerechterweiſe, wie aintzelne gute handſchriften und drucke getan, auch im anlout hette t ſetzen und daz ainfache z, wie tzur mittel⸗ hochdeutſchen tzeit, für unſeren ß⸗lout beibehalten müzen, diz werde ich in dem

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