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haben, jederman volle freihait tzu geſtatten und etwa zu ſagen: ſpreche doch ain jeder die worte ouz, wie ez in ſeinem lande ſitte iſt, und ſchreibe ſie da⸗ nach, wie er am beſten waiz und kann; aber darouf ſoll ein jeder acht haben, daz er nur gutez ſchreibe und ez ſo ſage, daz daz volk ez verſtehen könne. Ja, er hette leicht nach genommener einſicht ousdrüͤcklich hintzugefügt: ſoll ich aber bekennen, welche ouzſprache mir faſt wol gefellt, ſo iſt ez die, welche wir von den Schwaben hören, die allhier zu Wittenberg ſtudieren und von welcher auch Philippus noch ain gut tail hat; auch tun die ſchwebiſchen drucker wol daran, daz ſie die bücher alſo drucken, daz in den buchſtaben die art der ouzſprache tzu erkennen iſt. ains Su
Man kann verſchidener mainung darüber ſein, ob ez für die fortentwickelung des neuhochdeutſchen weſens gleichgiltig oder tzutreglich oder hinderlich geweſen were, wenn aine ſolche orthographiſche verſchidenhait in der literatur fortge⸗ douert hette. Ich bin der mainung: hinderlich. Denn wenn in jeder provintz ain daſelbſt erſcheinendez buch in der irer mundart gemäzen orthographie gedruckt werden muſte, ſo war damit entweder allen anderen provintzen die tzumutung gemacht, ain ſolchez buch in ainer inen widerſtrebenden orthographie tzu leſen, oder jede pravintz muſte ſich von den ertzeugniſſen der anderen beſondere ouz⸗ gaben veranſtalten. Daz letztere hette in der folge den literariſchen und buch⸗ hendleriſchen verker unendlich erſchwert, obwol bibel, geſangbuch und catechismus füglich in der jedezmaligen landesorthographie gedruckt werden konnten; daz erſtere aber muſte von ſelber darouf füren, der gantzen hochdeutſchen literatur aine und diſelbe orthographie tzu geben, faſt gleich vil, welche, weil man über jene tzumutung tzwar nicht hinweg kommen, ouf diſe weiſe aber dennoch aine ainhait erlangen konnte. 3
Von Luther und ſeinen freunden wie ſeinen gegnern ward, wie geſagt, die orthographiſche frage gar nicht oufgeworfen, überhaupt die gantze ſprachfrage nicht: ez handelte ſich um höhere dinge; die ſprache erſchin ſtets als ſo von ſelbſt mit dem gegenſtande gegeben, der jedem am hertzen lag, daz, werend ſte gerade deswegen ſich um ſo reicher und ſchöner entfaltete, ez niemand einfiel, ſie tzum gegenſtande ainer abgeſonderten betrachtung tzu machen. Die ſchulen mochten am maiſten darunter leiden; ez war aine groze unſicherhait in die betzaichnung der loute gekommen, ain lerer folgte diſem, der andere jenem muſter, ſo daz Hans Fabricius, rechenmaiſter und deutſcher ſchreiber tzu Erfurt, ſich in ainem lerbüchlein fuͤr angehende ſchreibſchüler, daz er im jar 1531


