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ires verheltniſſes tzur ſchriftſprache, wol ſchwirig, aber doch nicht unmöglich iſt. Ouffallend iſt jedenfalls(bezer jedesfalls), daz die norddeutſche ouzſprache im allgemainen für ſchöner oder richtiger gilt, als die oberdeutſche; man erweiſt damit den niderdeutſchen mundarten aine ſeltene ere, indem man inen, die allerdings in gerader linie von der nachweislich elteſten familie des deutſchen volkes herſtammen, aine ſo feine ſtimmung und modulation tzugeſtet, daz ſie ſogar aine inen gantz ferne ligende, urſprünglich oberdeutſche mundart, nemlich daz hochdeutſche, mit feinerem ouzdruck ſprechen, als die oberdeutſchen ſelbſt.
Ich habe mich trotz mainer viljerigen bekanntſchaft mit den entgegengeſetz⸗ teſten deutſchen mundarten jener mainung niemals anſchliezen können; mir hat die ſchwebiſche ouzſprache des hochdeutſchen, und nicht in den ſtetten, etwa in Stuttgart, allain, ſondern auch ouf dem lande, reichlich ſo wol gefallen, als die ſcheinbar zierlichere, aber in organiſchen loutverzweigungen und muſikaliſcher modulation ermere des Hannoveraners oder Brounſchweigers. Richtiger zu⸗ nechſt, ſollte man mainen, müſte, waz die loutverheltniſſe betrifft, aine ſprache in irer haimat geſprochen werden; die haimat der neuhochdeutſchen ſprache iſt aber Schwaben. Diſe behauptung verliert bei neherer betrachtung ir ouffallen⸗ dez; ich mache hier nur geltend, ainerſeits, daz der conſonantismus der ſchrift⸗ ſprache uns nach oberdeutſchland weiſt, der vocalismus aber daſelbſt diejenigen landſtriche ouzſchliezt, welche daz ei und ou der ſchriftſprache nicht kennen, ſon⸗ dern dafür langez i und u ſetzen; andererſeits daz tzur tzeit des oufkommens der neuhochdeutſchen ſprache in kainer anderen oberdeutſchen mundart ain ſo vollſtendigez ſyſtem der vocaliſation lebendig geweſen, als in Schwaben. Die ſchwebiſche ouzſprache des hochdeutſchen entfaltet alle in dem vocalismus deſ⸗ ſelben ligende feinhaiten, welche faſt für daz gantze übrige deutſchland verloren gegangen und demtzufolge auch in der herrſchenden ſechſiſchen orthographie nicht tzu tage kommen.
Im funftzehnten jarhundert und in der erſten helfte des ſechtzehenten wur⸗ den die meiſten neuhochdeutſchen bücher, ſo weit ez die ſetzer verſtanden, in der orthographie gedruckt, die der mundart des jedezmaligen druckorts gemez war. Diz fand auch mit Luthers ſchriften ſtatt; die Wittenberger drucke, die Leiptziger, die Erfurter, die Nürnberger, die Augsburger hatten je aine andere ortho⸗ graphie. Luther fragte nach der orthographie ſo wenig, als nach der ouzſprache; hette er aber veranlazung gehabt, von diſen dingen kenntnis tzu nemen, er würde hier noch weniger wie in euzerlichkaiten des kirchenamtes angeſtanden


