Aufsatz 
Über deutsche Orthographie : 1. Teil
Entstehung
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fen des gemüts und der natur berürenden ſprache tetiger menſchen die ſiechen formen tzur ſeite ſtehenden perſönlichen bildung tzu ermezen und in ain höherez und bezerez tzu verwandeln, daz ſollte ſich jeder lerer tzur oufgabe machen, der nicht daz glück gehabt, unter ſolchen adelsfamilien des bouern⸗ oder hirtenſtan⸗ des ouftzuwachſen. Denn aine grüne, blühende, kreftige ſprache, der gantze ſaft des lebens gehört vor die jugend und bildet und ertzieht ſie allain, nicht die dürre ſprache der abſtraction und ſpecifiſcher wizenſchaftlichkait.

Diſe ſprache des volks, die ſprache des gaiſtes und der kraft, hat Luther tzur geſamtſprache aller ſtende erhoben. Die mundart, in der er ſchrib, war allerdings ſchon im viertzehnten und funftzehnten jarhundert, nach dem verfall der höfiſchen poeſie, die nach ſprache und inhalt ſich überhalb des volkslebens angebaut und die entwickelung deſſelben ſo wenig gefördert, als die frühere lateiniſche, ſte war allmehlich neben der mittelhochdeutſchen ſprache und endlich an irer ſtelle als ſchriftſprache oufgekommen; Luther aber war ez, der ir daz allgemain geltende geprege gab, ir nicht wider den gaiſt eines beſonderen ſtan⸗ des, ſondern den gaiſt des volks, nicht den gaiſt der tzeit, ſondern den gaiſt der geſchichte einhauchte und ſie durch ſeine bibel, ſeinen catechismus und ſeine lieder über alle deutſchen lande verbraitete. Wie ainmal geſagt worden, daz man ſich den tzuſammenhang der ſagenwelt aines volkes wie den ſeiner ſprache denken müze, wo jedez wort in einem organiſchen verbande mit allen andern ſtehe und vermöge deſſelben jedermann verſtändlich ſei, ſo ſehen wir in jenem grozen werke Luthers, in der ſchöpfung ainer allgemainen volks⸗ und kirchen⸗ ſprache, tzugleich ain gegenbild von der in ſeinem gaiſt lebendig geweſenen, aber der geſchichte zur entwickelnng übergebenen idee ainer allgemainen deutſchen kirche.

Luther iſt unſer erſter klaſſiker, wie der tzeit ſo dem range nach. Daz ſollten weder ſchriftſteller noch lerer vergezen. Als Virgil dem Dante erſcheint, ruft diſer ouz:

Du biſt mein maiſter, ja, du biſt mein vorbild. Aber hier iſt mer als Virgil, wol auch andrerſeits weniger als Dante, Für junge ſchriftſteller und lerer gilt der rat: Ir jungen, leſet die alten. Daz iſt vor allem Luther und daz volk. So oft unſere literatur ſich an diſen iren quel⸗ len erfriſcht, ſo oft kommt die ſchriftſprache dem volke wider und weiter tzu gute. Anders ſtellt ſie ſich demſelben feindſelig gegenüber, um ſo feindſeliger, je mer ir einfluz tzunimmt und ſchritt für ſchritt ſitte, glauben und ſprache des volks verwirrt und vernichtet. Daruͤber were vil zu ſagen. Die lerer der jugend