Aufsatz 
Über deutsche Orthographie : 1. Teil
Entstehung
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dert, daz man tue, waz ſie erwarten und gewont ſind; die verſeumnis deſſelben oder gar daz unerwartete, daz entgegengeſetzte vertzeiht man ouznamsweiſe wol jedem, aber nicht jedem mit gleichem gefül. Hienach hat die ſchule ſich zu rich⸗ ten; ſie darf um allez in der welt nicht ſagen: ſchreib wie du ſprichſt, oder: ſchreib wie du ez verſtehſt, ſondern ſie hat lediglich, ſo gut ez gehen will, die herrſchende ſchreibweiſe in regeln tzu bringen, um dem ſchüler die anaignung tzu erleichtern. Die orthographie hat noch aine grözere bedeutung, als jeder andere gebrouch; ſie iſt die aintzige gemainſame ſitte oder mode der an der ſchriftſprache gebildeten ſtende, jenes ſtrengneuhochdeutſchen publicums, daz ouzerdem in den verſchidenſten richtungen ouz ainander get. Ti

Man kann ſich von unſerer orthographie kainen begriff machen, one auf den begriff des hochdeutſchen und daz verheltnis deſſelben tzu den deutſchen mundarten tzurück tzu gehen. Bekanntlich erfert diſer gegenſtand nicht ſelten aine etwaz oberflechliche behandlung. Denn ſo ſer ez auch die erklerung tzu erleichtern ſcheint, wenn man daz neuhochdeutſche allain inz auge fazt, und nun ſagt, man verſtehe darunter die allgemeine ſchriftſprache, ſo wenig get man damit den groͤzeren ſchwirigkaiten ouz dem wege. Daz neuhochdeutſche iſt weder ſo neu noch ſo jung, wie mancher verouzſetzt: drei jarhunderte und literaturen von unermezlichem umfange möchten für den, der wol gern wüſte, waz man unter neuhochdeutſcher ſprache verſtet, aber doch gewont iſt, vom ſchoume tzu leben, etwaz tötlich abſchreckendes haben. Die maiſten begnügen ſich daher mit der anname, daz ſie ſelbſt hochdeutſch ſprechen; lerer aber ſollten diz ſo one weiterez niemals tun, auch diejenigen nicht, welche kainen unmittelbaren deutſchen ſprachunterricht ertailen; ſie alle ſollten iren ouzdruck immer von neuem durch ein tiefez ſtudium der urquellen deſſelben beleben und kreftigen. Von diſen urquellen fliezt die aine, ouz der auch Luther ſchöpfte, in der fri⸗ ſchen, geſunden, freihait und wahrhait atmenden ſprache des volkes, die andere in den ſchriften Luthers, vor allen in ſeiner bibelüberſetzung. In dem volke, ſo weit ez nicht in die verwirrungen des modernen öffentlichen lebens hinein⸗ getzogen und ſeiner überlieferungen, ſeiner poeſte und ſeines glaubens beraubt worden, geſtaltet ſich one oufhoren jene unmittelbare bildung, deren ouzdruck unſerm blazen, krenklichen weſen ſo woltut, und mit ir jene anſchauungsvolle, aller lerhait abholde, jeden gegenſtand mit gantzer warhait und gantzer poeſie treffende ſprache, die in irer unwandelbarkait die offenbarungen der alten von geſchlecht tzu geſchlecht tregt. An diſer erbweishait und diſer lauteren, alle tie⸗