Aufsatz 
Über das Lectisternium / Wackermann
Entstehung
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Dingen ist es nicht der Geist der Andacht, der den frommen Römer in Anspruch nimmt, sondern es ist die für die heilige Handlung hergebrachte nötige Form, auf die er sein Augenmerk richtet. Auch hier bekundet sich das stete Bestreben, dem Gotte zu dienen. Und was in der Götter- verehrung einmal in Gebrauch gekommen, was geheiligt und bewährt ist, das wird beibehalten, weil der Gott nunmehr eine Art Anrecht darauf bekommen hat, in welchem er nicht verkürzt werden darf und was so das Herkommen gebietet, daran hat niemand zu ändern oder zu deuteln. ¹⁰⁰ Anderseits glaubt der Römer mit seinem ausgiebigen Opfer und seinem rituellen Gebet einen Anspruch auch auf die Gunst des Gottes zu haben, und nicht mit Unrecht hat man das Verhältnis zwischen Göttern und Menschen, wie es sich der Römer vorstellt, mit einem civilrecht- lichen Vertrage verglichen, der auf Leistung und Gegenleistung beruht. Mit dem, was der Gott auf Grund des Herkommens oder eines geleisteten Versprechens verlangen kann, glaubt der Römer seinen Verpflichtungen genügt zu haben; aber darin ist er auch durchaus pünktlich, ja ängstlich gewissenhaft. Veteres Romani, sagt Gellius(II 28), cum in omnibus aliis vitae officiis tum in constituendis religionibus atque in diis immortalibus animadvertendis castissimi cautissimique. Man wollte mit dem Cärimoniell, das das Wesen des Gottesdienstes ausmacht, nicht sowohl die Götter ehren als vielmehr befriedigen und besänftigen: pacem deorum expetere oder exposcere, deos placare war der Zweck der heiligen Handlung. Um das in vollständiger Weise zu vermögen, um keinen Gott zu kürzen, bedurfte es der Kenntnis der Formen, und so finden wir in der That es ausgesprochen: maiores religionem totam in experientia collocabant¹¹), eine Auffassung, wie sie bei den Griechen nur in der stoischen Lehre¹²), nicht im Volksglauben sich wiederfindet. Gewiss hat der Römer pietas; aber seine pietas ist die Vorsicht dessen, der sich berechtigten Ansprüchen nicht entziehen will. Darum war es üblich in Gebeten von allgemein gehaltenem Inhalte oder bei der Anrufung von unbekannten Göttern zu sprechen: sive tu deus es sive deal*); darum flehte der Landmann, wenn er einen an sein Grundstück grenzenden Wald lichten wollte, die ihm unbekannten Gottheiten des Ortes an¹⁴); darum verehrte man nach Varro¹⁵) sowohl dei certi als incerti; darum war es pontificum mos, bei der Anrufung des höchsten Gottes, Jupiter, zuzufügen: Jupiter omnipotens, vel quo alio nomine appellari volueris¹⁰); denn die dem Gotte wirklich zukommenden Namen kennt kein Sterblicher¹*); darum die so häufig vorkommende Anrufung der Gottheit unter verschiedenen Namen¹*); daher auch die jeder gewaltsamen Ein- nahme einer feindlichen Stadt vorhergehende förmliche evocatio der Schutzgötter derselben, weil,

¹⁰) Cic. de nat. deor. III 2 6: a te enim philosopho rationem accipere debeo religionis, maioribus autem nostris etiam nulla ratione reddita credere.

¹¹) Serv. Verg. G. III 456. cf. Cic. de nat. deor. I 41 116: sanctitas est scienta colendorum deorum.

¹¹) Diog. Laert. VII 119: 2αι τννsoQά⁵*αεειιανεεπνιοτνμάν õMHμεν τςαμφσάανεideρ.

¹3) Arnob. III 104. M. Valerius begrüsst vor dem Zweikampf mit dem Gallier den ihm einen Raben zu Hilfe sendenden Gott mit den Worten: si divus si diva esset, qui sibi praepetem misisset, volens propitius adesset Liv. VII 26.

44) Cato r. r. 139.

¹⁵) Bei Augustin. de civ. dei III 12.

¹16) Serv. Verg. A. IV 577.

¹7) Deorum vera nomina nemo novit. Serv. ib.

¹s) Hor. carm. saec. 14: Ilithyia sive tu Lucina probas vocari seu Genitalis; sat. II 6 20: Matutine pater seu Jane libentius audis.

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